30 20-cent Münzen

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Status: In Progress  |  Genre: Humor  |  House: Booksie Classic

Submitted: July 15, 2017

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Submitted: July 15, 2017

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17:27

Hatte ich alles? Handy und Kopfhörer in der linken Hosentasche, Schlüssel in der rechten Hosentasche. Wo war mein Geldbeutel? Ah, auf dem Tisch. Ich schaute mich nochmal in meinem kleinen Zimmer um. Ich hatte alles.

An diesem Tag fuhr ich wieder in die Heimat. Abfahrt 18 Uhr. Draußen hatte es vor kurzem noch geregnet, die Straße war nass. Doch dann, als ich losgehen wollte, schien die Sonne. Es freute mich, vor allem, weil ich nur eine kurze Hose trug. Meine langen Jeans waren alle im Rollkoffer. Während ich meine Haustür zuschloss, sprach ich mir zu, dass alle Wasserhähne zugedreht waren und der Herd, den ich seit Wochen nicht mehr angefasst habe, ebenfalls aus war. Und wenn ich das Licht doch noch angelassen hatte? Ich sperrte meine Haustür nochmal auf und lugte in die kleine Wohnung hinein. Alles dunkel. Alles klar. Ich schloss die Tür hinter mir wieder zu und machte mich auf dem Weg zum Bankautomaten, um meine letzten 10€ abzuheben. 7,25 € kostete das Zugticket und der Rest würde in einen Abendsnack investiert werden. Die Rollen des Koffers gaben laute Geräusche von sich, während ich den Koffer über den Pflasterweg zog. Ganz schöner Krach. Zum Glück kam ich bald auf einen Asphaltweg, wo das Rollen nur sehr leise zu hören war. Alsbald stand ich vor dem Bankautomaten und tippte den gewünschten Geldbetrag ein. Der Automat spuckte meine Bankkarte wieder aus und ich wartete auf mein Geld.

17:31

Ich starrte auf den Geldautomaten. Kein Geld kam. Auf dem Display der Maschine stand: "Bitte geben Sie ihre Bankkarte ein." Sonst nichts. Mir lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Kein Geld, keine Heimfahrt. Ich drückte die Bankkarte nochmal hinein. War das jetzt nur ein Systemfehler? Oder hatte ich kein Geld mehr? Ich musste nachschauen, wie viel ich noch auf meinem Konto hatte. Nachdem die Maschine meine PIN akzeptiert hat und nun den Vorgang verarbeitete, kam mir die Wartezeit wie eine Ewigkeit vor. Und dann erschien die Zahl, die ich in diesem Moment auf keinem Fall sehen wollte: "0". Ich zog meine Bankkarte wieder aus dem Automaten und lief im Eilmarsch mit dem schweren Koffer zurück nach Hause. Wie soll ich bitte schön jetzt 7,20€ herbekommen? Zu Hause hatte ich noch Münzen. Werden sie reichen? Diese ganzen Überlegungen waren komplett egal, ich musste schleunigst nach Hause. Auf der Straße werde ich die Antworten nicht finden. Also rollte ich wieder über den lauten Pflasterweg, ging durch die Eingangstür des Gebäudes, die mein lieber Nachbar für mich aufhielt, und betrat wieder die Wohnung. Ich zog meine Kiste voller Kleingeld von meinem Regal und öffnete sie. Verdammt. Nur 20-Cent Münzen. Aber hoffentlich genug. Ich fing an die Münzen in Fünfer-Stapel zu teilen. Stück für Stück. Bloß kein Fehler, ich habe schon genug Zeit verloren. Am Ende hatte ich acht solcher Stapel. Ich packte das Geld in mein Portemonnaie.

17:36

Ohne nochmal meinen Zwangsneurosen zu unterfallen, machte ich mich erneut auf dem Weg. Der dicke Geldbeutel in meiner Hosentasche fühlte sich wie ein zweites Gesäß an. Bis zum Bahnhof brauchte ich ungefähr eine Viertelstunde. Plötzlich packte mich der Gedanke, dass man vielleicht am Automaten nicht mit 20-Cent Stücken bezahlen kann. Aber beim Buchladen nebenan kann man bestimmt wechseln.

17:49

Warum muss unbedingt heute ein Schulausflug alle Automaten einnehmen? Tief Ein- und Ausatmen, ich hatte noch Zeit. Ich begab mich zu einem anderen Automaten, der bei den Schließfächern versteckt war. Da stand zum Glück nur eine Person an. Als ich an der Reihe war, gab ich mein Zielort ein und wartete auf das Bezahlmenü. Und Gott sei Dank, man konnte mit 20-Cent Stücken bezahlen. Auf geht's. Eine Münze nach der anderen warf ich in den Automaten ein. Als würde ich ein Roboter-Tier füttern. Wenn ich mal eine Münze zu schnell hineinschob, spuckte er sie wieder heraus. Also brauchte ich einen richtigen Rhythmus. Münze für Münze sank der zu zahlende Betrag. Was die anderen Menschen hinter mir wohl dachten? Ach egal, irgendwie war das ganz witzig. Könnte ich später meinen Freunden erzählen. Aber dann, plötzlich, während ich noch in meinen Gedanken vertieft war, nahm der Automat kein Geld mehr an. Auf dem Automaten erschien folgende Nachricht: „Die von diesem Automaten maximal aufzunehmende Münzanzahl wurde erreicht, brechen Sie den Vorgang ab oder bezahlen Sie mit einem anderen Mittel.“ Oje…

17:54

Ich hätte nur noch 1,25€ zahlen müssen, nur noch sechs Münzen und fünf Cent! Aber mir blieb keine Wahl. *Kling* Das ganze Geld musste wieder raus *Kling*Kling* Peinlich… *Kling*Kling*Kling* „Da hat jemand den Hauptgewinn geholt!“ ertönte es von hinten. Ich drehte mich um und versuchte ein Lächeln aufs Gesicht zu bekommen, das nicht zu schmerzverzerrt aussah. Aber er hatte Recht. Es hörte sich fast so an, als würde man den Hauptgewinn an einem Kasinoautomaten in Vegas bekommen. Aber im Gegensatz dazu wollte ich, dass das Geld in der Maschine blieb. *Kling*Kling*Kling*Kling* Ich musste das ganze Geld wieder einstecken und sobald ich fertig war, rannte ich zum Buchladen, um die verteufelten Münzen umzutauschen. Ich war mir nicht mal sicher, ob die verdammte Maschine mir den richtigen Betrag ausgegeben hat, aber die Zeit rannte. Es war bereits …

17:57

Der nette Mann an der Kasse tauschte das Geld gerne um. Einziges Problem: Er und ich hatten zwei verschiedene Systeme, 20-Cent Stücke zu zählen. Er zählte sie in 10er Gruppen, ich in 5er Gruppen. Das bedeutete, dass der Angestellte, nachdem ich die Stücke schon einmal gezählt habe, nochmal mit seinem System zählen musste. Ich verstand ja, dass man sich nicht veräppeln lassen wollte, aber ich hatte es ein bisschen eilig. Nach einem Tanz mit zählenden Händen und umherfliegenden Münzen hatte ich endlich 30 20-Cent Stücke in einen 5er-Schein und eine 1€-Münze umgewandelt. Ich rannte zurück zum Automaten, der frei von jeglichen Personen war. Dachten alle, der wäre kaputt? Naja, egal. Ich bezahlte mein Ticket und flitzte zu Gleis 11, welches das hinterste Gleis war.

18:00

Ich hörte den Schaffner, ich hörte Gebrüll, ich hörte meine schweren Schritte und ich hörte, wie mein Koffer gegen die Treppenstufen hoch zum Gleis donnerte. In der letzten Sekunde sprang ich in den Zug und während die Tür hinter mir zu ging, fuhr der Zug auch schon los. Ich war doch ziemlich froh, eine kurze Hose angezogen zu haben. Mir war ein wenig heiß.


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