Silberregen

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Status: Finished  |  Genre: Young Adult  |  House: Booksie Classic


Während wir aufwachsen wird uns oft weh getan. Manchmal von unseren engsten Freunden. Manchmal von uns selbst. Und manchmal, ja manchmal können es sogar unsere eigenen Eltern sein. Man denkt man
wäre wütend auf sie dafür, man würde sie hassen. Aber im Grunde des Herzens wünscht man sich doch nichts mehr, als endlich wieder nach Hause kommen zu können, zu den Menschen, die man schon so
lange vermisst.

Submitted: December 02, 2017

A A A | A A A

Submitted: December 02, 2017

A A A

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Es war kalt, als ich auf die Straße hinaustrat. Der schwere Atem, der meinen Mund verließ, malte kleine Wolken in die Dunkelheit um mich herum, die nur von den Lampen entlang der schneebedeckten Straße unterbrochen wurde. Sie schwebten einige Meter weit von meinem Gesicht entfernt, bevor sie sich auflösten und eins mit der kalten Luft wurden, die meine Lungen füllte. Die Tränen, die mein Gesicht herunterliefen waren das einzige warme, das ich noch fühlte. Fast heiß erschienen sie mir auf meinen roten Wangen und zitternden Unterkiefer.

"Miri!“

Ich drehte mich um und sah in dem Licht der beleuchteten Wohnung hinter den Türangeln eine große, massige Gestalt erscheinen.

"Miri, komm wieder rein, sofort!“

Die Stimme war aggressiv und tief und als ich sie hörte setzten sich meine Füße wie von selbst in Bewegung, liefen schneller und schneller, bis ich die breite Straße hinunterrannte. Der kalte Wind, der zuvor schon unangenehm gewesen war schien nun meinen Hals und Brustkorb in Brand zu stecken. Doch ich hörte das Brüllen meines Namens in meinem Rücken, hörte schwere Schritte die Treppen zum Eingang unseres Heims hinunterstapfen. Und ich zwang meine Füße sich schneller und schneller zu bewegen. Weg von dem Licht, weg von der Stimme, weg von dem kleinen, weißen Haus mit dem fast besessen wohl gepflegten Garten. Weg von all den Erinnerungen und Erfahrungen, die sich jedes Mal schwer auf mein Herz legten, wenn ich beim Abendessen in der Küche saß. Weg von leeren Versprechen, dass alles besser würde. Weg von versäumten Konversationen, die nie geschehen würden, weil wir alle zu stolz waren, um die vergangenen Jahre, die verstrichen waren beiseite zu lassen und den Mund zu öffnen, der seit langem verschlossen war.
Meine Seiten begannen zu stechen und ich wäre am liebsten zusammengebrochen, hätte mich zusammengerollt auf dem gefrorenen Boden unter mir. Die Tränen ließen das Bild der breiten Straße vor mir verschwimmen, verformten die kleinen Schneeflocken, die vom Himmel hinab segelten zu dünnen Wellenlinien, die sich um mich schlängelten.

"Miri!“

Die Rufe hinter mir wurden leiser und leiser, bis ich sie gar nicht mehr hören konnte. Bis alle Geräusche um mich erstarben, und die Häuser und Tennisplätze von erst einem, dann zwei, dann immer mehr Bäumen abgelöst wurden.
Meine Fußabdrücke auf dem weißen Grund wurden hinter mir sofort von neuem Schnee bedeckt, als wäre ich nie dort gewesen, während ich mich immer weiter von dem entfernte, was schon lange nicht mehr mein Zuhause war.

 

Die Nässe fraß sich sofort durch meinen Kapuzenpulli, als mein Rücken auf dem Asphalt aufschlug. Der Aufprall nahm mir kurzzeitig den Atem, sodass ich keuchend da lag und nur hinauf zum sternenübersähten Himmel blicken konnte. Ich spürte ein Stechen an meinen Ellebogen. Wahrscheinlich hatte ich sie mir aufgeschürft. Doch in dem Moment, in dem ich dort im Schnee lag, mitten im Wald auf einem Landpfad, kam mir das Gefühl nicht unangenehm vor. Es war ein anderes als die Kälte, die mich nun ansonsten fest im Griff hielt.
Der Schnee fiel um mich herum sanft zu Boden, bedeckte meine Haare, schmolz und klebte sie zusammen. Setzte sich auf meine salzverkrusteten Wangen, als wollte er die vergossenen Tränen abwaschen.
Die wenigen Laternen, die noch entlang meines Pfades brannten, ließen die Flocken wie silbernen Regen erscheinen, der die Welt in Stille tauchte und alles friedlich erschienen ließ.

Ich presste meine Lippen fest aufeinander.

Warum war dies der einzige Augenblick, in dem ich mich komplett ruhig fühlen konnte? Wieso war es der einzige Moment, in dem die Welt in Ordnung zu sein schien?

Ich ballte meine Hände zu Fäusten und stand langsam auf, hob mein Gesicht zum Himmel.

Wieso fühlte ich mich ausgerechnet hier sicher, alleine in einem dunklen Waldstück? Warum konnte mir ausgerechnet dieser Ort geben, was der, der mein Zuhause sein sollte, mir schon lange nicht mehr geben konnte?

Ich öffnete den Mund.

Als Kind war ich dort herumgerannt, um das Haus. Hatte in den Rasensprenklern gespielt, hatte mit den zwei wichtigsten Personen in meinem Leben lachen können. Warum konnte ich nicht zu der Zeit zurück? Als das, was mir nun fremd war noch so vertraut und warm gewirkt hatte.

Der Schrei, der meiner Kehle entwich und hinaus in die Dunkelheit des Waldes drang, war heiser und gebrochen. Doch auf ihn folgte der nächste, und wieder der nächste.
Wenn ich einatmete, konnte ich beinahe den Geruch von Kaiserschmarrn riechen, den meine Mutter früher immer gemacht hatte, wenn es mir nicht gut ging, oder die Traurigkeit mich überkam. Sie hatte schon vor langer Zeit aufgehört, ihn zu kochen, doch der Geruch war mir klar in Erinnerung geblieben.

Die Schreie drangen durch die Ruhe wie Schwerter durch ein Tuch. Die Tränen flossen nun wieder unkontrolliert, vermischten sich mit dem geschmolzenen Silberregen auf meinem Gesicht. Und ich fühlte mich zum ersten Mal seit langem wieder frei.

Die Kälte meiner nassen Klamotten schien mir wie eine Umarmung zu sein. Wie die Umarmungen meines Vaters damals. Damals, als er noch umarmt hatte und nicht nur Schläge hatte hageln lassen, wenn etwas nicht so lief, wie er es wollte. Damals, als er noch nur zwei Bier am Tag getrunken hatte anstatt sechs. Und meine Eltern sich noch ein Bett geteilt, und nicht so weit voneinander geschlafen hatten, wie es nur ging.

Ich begann laut zu schluchzen und ging in die Knie, legte meine Hände auf meine Augen, dass alles dunkel wurde.
So blieb ich unbeweglich sitzen auf dem engen Schotterweg, im Schnee, im silbernen Regen. Für eine Weile.

 

Als ich die Haustür öffnete, war das Licht aus. Vielleicht waren sie mich suchen gegangen. Doch der Schnee hatte meine Spuren versteckt, sie würden in der Dunkelheit abbrechen und bald zurück kommen müssen.
Leise zog ich meine Schuhe aus, stellte sie in die ordentliche Reihe an Straßenschuhen im Eingang, bevor ich mich durch den Eingang ins Innere des Hauses begab.
Das Schneewasser tropfte von meinen Haaren auf meine vollkommen durchnässten Sachen. Ich zitterte.
Langsam ging ich den Gang hinab, die Dielen knarzend unter meinen Füßen.
Als ich die Treppe hinaufsteigen wollte, die in den ersten Stock und zu meinem Zimmer führte, hörte ich Schritte hinter mir auf dem Holzboden. Es waren leichte Schritte und ich drehte mich um.

Vor mir stand mein Hund. Klein und mit seinem zotteligen, schwarzen Fell, hatte ich ihn nicht gesehen. Er sah mich mit schräggelegtem Kopf aus seinen großen, schwarzen Knopfaugen an.

"Hey kleiner Mann!..“

Ich ging in die Hocke und er lief freudig zu mir, drückte sich an mich, wobei es ihm egal war, wie nass ich war. Ich umarmte ihn fest und strich ihm zärtlich durch das Fell.

"Was machst du denn hier draußen, du solltest in der Küche sein..“

In dem Moment hörte ich ein Klappern und der Geruch von süßem Gebäck erreichte mich.
Ich blinzelte, richtete mich zögerlich auf und sog tief die Luft ein. Erinnerungen an warme Sommertage, grüne Bäume überkamen mich.
Langsam setzte ich mich in Bewegung, einen Fuß nach dem anderen in Richtung der Quelle des Geruchs.
Als ich um die Ecke bog, hinter der die Küche lag, sah ich einen schwachen Lichtschein hinausschimmern. Zaghaft streckte ich meine Hand aus, ergriff die Klinke. Ich öffnete die Tür und der Geruch nach Kaiserschmarrn umfing mich.
In der Spüle lagen mehrere Töpfe in schaumbedecktem Wasser, die Herdplatten waren noch warm. Auf dem Tisch stand ein Teller, aus dem es dampfte, in dem ich die goldbraune Masse des süßen Nachtischs erkennen konnte. Und um den Esstisch saßen, mit hängenden Köpfen, die Gesichter in die Hände gestützt, meine Eltern.
Als ich in die Küche trat schauten sie auf. Ihre Augen waren gerötet, ich konnte sehen, dass sie geweint hatten.
Vor meinem Vater stand eine Sprudelflasche.

"Miri...“

Er erhob das Wort, doch seine Stimme brach, als er meine rote und leicht geschwollene Backe sah.
Stattdessen brach er in Schluchzen aus.

"Setz dich mein Schatz.“

Meine Mutter sah mich müde an, auf ihrer Nase sah ich einen Fleck Mehl.
Ich zögerte.

"Hast du Kaiserschmarrn nicht so geliebt, als du noch jünger warst? Wenn ich gefragt habe, was du möchtest, war die Antwort ja eigentlich immer schon von Anfang an klar… bis du aufgehört hast, dir Dinge zu wünschen.“

Ich holte Luft, wollte etwas erwidern. Doch ich brachte keinen Ton heraus. Mein Hals war wie zugeschnürt.
Mein kleiner, schwarzer Gefährte trippelte um mich herum und lehnte sich gegen meine Beine. Ich sah ihm dabei zu, wie er über meine nassen Socken leckte. Ich konnte nicht aufschauen.

"Als wir in deinem Zimmer nach Anhaltspunkten gesucht haben, wo du hingegangen sein könntest, haben wir das alte Bilderbuch gefunden, das du uns geschenkt hast, als du kleiner warst. Ich wusste gar nicht mehr, wie klein du damals warst, ich war überrascht, dass ich das..“

Meine Mutter brach ab und räusperte sich. Ich konnte ein Schniefen hören.

"Nein, das ist nicht richtig. Ich war geschockt, dass ich das nicht mehr wusste. Ich war fassungslos, dass ich das kleine Mädchen, das mich am Rock zog und Gutenachtgeschichten verlangt hat, vergessen konnte.“

Ich begann erneut zu zittern und meine Augen füllten sich mit Tränen.

"Miri, es tut uns so leid...“

Das Schniefen wurde lauter und ihre Stimme erstarb vollends. Allein der Geruch von Kaiserschmarrn erfüllte die Küche.
Tief atmete ich ihn ein, schloss meine Augen und es war fast so, als wäre ich in der Zeit zurückversetzt worden.
Zögerlich tat ich einen Schritt nach vorne, blieb stehen, bevor ich beinahe rennend die letzte Entfernung zum Tisch zurücklegte.

"Mama, Papa!“

Ich fiel meinen Eltern um den Hals und drückte sie an meine Brust. Es war keine gemütliche Haltung, das Holz drückte sich in meinen Bauch. Doch ich ließ sie nicht los.
Und so saßen wir da, bevor alle Worte, die wir zurückgehalten hatten hinausgesprudelt kamen, wie Wasser aus einer lang verschlossenen Quelle. 


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