farcevolt

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Status: Finished  |  Genre: Mystery and Crime  |  House: Booksie Classic


eine kurze geschichte über mysteriöse zusammenhänge und einen verrückten, der das leben eines ahnungslosen auf den kopf stellt.

Submitted: August 05, 2018

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Submitted: August 05, 2018

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Farcevolt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für Esther

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1.

 

Da war etwas komisches an Martin Cramer gewesen. Schon immer.

Sicher ist das eine sehr subjektive Aussage, doch ein einigermaßen normaler Teenager, wäre doch nicht mitten in der Nacht auf den höchsten Turm von Calbourne Castle geklettert, nachdem er zuhause lediglich einen knappen Brief hinterlassen hatte, der Worte wie „Es tut mir leid“ oder „Es geht nicht mehr weiter“ enthielt und wäre einfach grundlos in den Tod gesprungen.

Das was von Martin übrig war wurde in einen Leichensack gepackt und abtransportiert. Sein Blut, das am Asphalt klebte, glitzerte im Scheinwerferlicht des Polizeiwagens, in dem Miles saß. Auf dem Beifahrersitz, versteht sich.

Sein Mentor und Partner Chief Baten hatte den Wagen gefahren, wie an allen anderen Einsätzen auch. Miles war ein wenig verstört. Verstört, weil in einem sonst so ruhigen Dorf wie Castle Springs eigentlich nie etwas so dramatisches passierte wie in dieser Nacht des 17. Oktobers. Jedoch nur ein wenig, weil es einerseits dunkel war, sodass man eh nicht genau sah was da eigentlich passiert war und andererseits weil Miles solche Szenarien aus Horrorfilmen gewohnt war. Miles liebte Horrofilme. Vor Allem Splatter. Es war kein Fetisch. Zumindest würde er das nicht von sich selbst sagen. Die Autotür ging auf. eine Welle Realität schwappte in den alten Mercedes: Das Plätschern des Regens, die verwirrten Stimmen und das Quietschen der Reifen des Feuerwehrautos, welches aus welchen Gründen auch immer am Tatort war. Aber es war ja kein richtiger Tatort, es war Selbstmord. Martin Cramer war tot.

Die Fahrertür schloss sich unter Baten‘s starkem Griff und für einen Moment war es wieder still.

„Hey Junior! Bist du noch bei mir?“, schob Baten Miles zu. „Ja… Äh Ja klar, Sorry ich war wohl etwas schockiert.“, gab Miles zurück. „Schockiert? Das ist das Beste was hätte passieren können! Ein klarer Fall. Kein Papierkram.“ Baten‘s Humor war etwas makaber, doch das störte Miles nicht. Er hatte ja Recht. Zwar war das Gesicht des Jungen so sehr zerschmettert, das man nicht mehr viel erkennen konnte, doch die Indizien waren eindeutig. Ein DNA-Test würde die letzten Zweifel vertreiben, dass es sich bei dem Toten vielleicht doch nicht um Martin Cramer handeln könnte.

„Es gibt noch einen Zeugen, der den Jungen bei einem spätabendlichen Spaziergang gesehen haben will. Dann zeig mal was sie dir auf der Akademie beigebracht haben!“, stieß Baten aus und griff nach seinem Kaffeebecher in der Mittelkonsole.

Diesmal öffnete sich die Beifahrertür des Polizeiautos und in den Regen trat ein schmalschultriger Mann mit schulterlangen, dunkelbraunen Haaren. „Guten Abend Sir, ich würde Sie gerne auf ihre Aussage bezüglich Martin Cramer ausfragen, wären Sie damit einverstanden?“, es rollte von Miles‘ Zunge wie eine Bowlingkugel auf gebohnertem Parkett. „Natürlich Officer.“, antwortete ein älterer Herr mit Halbglatze, der seinen teuer aussehenden Trenchcoat unter einem Vordach in Sicherheit gebracht hatte. Das einzige Vordach im Umkreis von über zwei Kilometern. Es war Teil eines zweistöckigen Hauses, das nahe neben dem höchsten Turm von Calbourne Castle stand und zudem wahrscheinlich genauso alt war. Miles gesellte sich ebenfalls unter das Vordach.

Im schwachen Schein einer flackernden Lampe, die über einem Briefkasten hing, erkannte Miles das unsichere Gesicht des Mannes.

„Um welche Uhrzeit haben Sie Martin zuerst gesehen und an welchem Ort genau?“

„Vor etwas mehr als zwei Stunden also um etwa 22:40 Uhr. Da war ich unten am Wald gewesen. Mit meinem Hund, wissen Sie?“, schilderte der Alte. „Mhm und was ist dann passiert? Erzählen Sie bitte alle Details, die Ihnen einfallen, auch wenn es Ihnen unwichtig vorkommt.“; Schon wieder wie ein Lehrbucheintrag. „Okay, also ich war verwundert was der Junge um diese Uhrzeit hier verloren hatte, da die letzten Wohnhäuser ja ein ganzes Stück weit weg sind. Also bin ich ihm ein Stück gefolgt bis mir auffiel, dass er Calbourne Castle ansteuerte. Ich war zunächst nur verwundert, doch dann sah ich wie er stehen blieb um auf sein Mobiltelefon zu sehen da-“ „Konnten Sie erkennen was er an seinem Handy gemacht hat?“, unterbrach ihn Miles. „Nein, nicht wirklich aber als er stehen blieb konnte ich seine Statur und Kleidung genau erkennen, damit konnte er ja letztendlich identifiziert werden.“ „Okay, was ist dann passiert?“, nahm Miles die Befragung wieder auf.

„Er ging wieder weiter, diesmal ein wenig schneller. Genau hier wo Sie gerade stehen ist er dann kurz stehen geblieben als es anfing zu regnen, doch dann schien er sich anders zu entscheiden und ging in Richtung der Straße zu Calbourne Castle. Da war ich mir sicher das etwas nicht stimmte und habe die Polizei gerufen.“

Als Batens Wagen bei der von dem Alten genannten Adresse ankam, war es bereits zu spät gewesen. „Haben Sie den Sprung selbst gesehen?“, hakte Miles nach. „Oh nein zum Glück nicht!“, antwortete der Mann „Ich bin gleich nach dem Anruf nach drinnen gegangen, um den Hund aus dem Regen zu kriegen, Sie verstehen? Es ist ja schlimm genug, dass das Blut des Kindes hinter meinem Haus klebt!“, der Alte schien in Fahrt zu kommen, doch Miles beendete seinen Monolog mit einer harschen Handbewegung. „Das genügt für‘s Erste. Vielen Dank und Gute Nacht, Sir.“, mit diesen Worten drehte sich Miles um glatte 180 Grad und trat den Rücktritt zum Auto an.

Abermals öffnete sich die Beifahrertür. Klack. Dann: Stille.

Ein kurzer Moment in dem man lediglich sein eigenes Atmen wahrnahm, dann begann Baten: „Und?“ „Nichts was wir nicht ohnehin schon wüssten. Aber Martin hat sein Smartphone noch benutzt kurz bevor er in die Burg eingebrochen ist.“, gab Miles zurück, obwohl er selbst wusste, dass das nichts zu bedeuten hatte. „Tja so sind sie eben, die Jugendlichen heutzutage...“, Baten startete den Motor. „Wer wohnt eigentlich freiwillig alleine hier oben neben Calbourne Castle? Der Weg hier hoch is ne Qual und die Touristen...“, philosophierte Miles. Die Scheinwerfer wendeten sich von Martin‘s Blut ab und leuchteten die lange gewundene Straße hinunter, die der Junge vor weniger als drei Stunden noch hinaufgelaufen war. „Das Haus wird billig gewesen sein!“, lachte Baten. Miles hörte nicht zu. Er dachte nach.

Der Krankenwagen mit dem Toten war bereits weg und auch der andere Dienstwagen, der angerückt war, war bereits wieder auf das Revier zurückgekehrt.

Sie waren die Letzten. Nachdem auch der Alte wieder in seinem Haus verschwunden war, wurde es dunkel um die letzten Spuren von Martin Cramer, die letztendlich auch von den letzten Regentropfen fortgespült wurden.

 

Das Bellen der Hunde und das Ertönen einer klirrenden Glasscheibe implizierten deutlich in welchem Teil von Castle Springs Miles wohnte. Er lebte alleine in einer schäbigen zwei Zimmer Wohnung in einem heruntergekommenen Haus, welches verglichen mit den Nachbarhäusern wenigstens noch bewohnbar aussah. Wie immer schien sein Schlüssel nicht zu passen, was jedoch lediglich daran lag, dass dieser vollkommen verrostet war und das Schloss schätzungsweise so alt, wie die Stadt selbst war. Der Schlüsselbund klimperte, als Miles versuchte den richtigen in das Schloss zu befördern.

Das Bild einer sich drehenden Mikrowellen-Lasagne schwebte in Miles‘ Kopf herum. Er seufzte.

Drei Stockwerke an knarrenden Holzstufen später, war er angekommen. Ein weiterer Kampf mit dem Schlüsselbund, dann: Stille.

 

4 Jahre später

 

Es fiel Miles schwer so zu tun, als wäre er angeekelt. Es war eher Faszination die er empfand. Doch das teilte er seinem Kollegen selbstverständlich nicht mit. „Heilige Scheiße!“, rief Baten augenblicklich als er den Toten sah: Die Augen des am Boden liegenden waren komplett zerstochen und seine Gliedmaßen an den Gelenken um 180 Grad gedreht und hinter seinem Rücken zusammengebunden. Sein Gesicht, zu einer grausamen Grimasse verzerrt, drückte nackte Verzweiflung aus.

Seit Jahren war in Castle Springs nichts derartiges passiert, abgesehen von dem Selbstmord des Martin Cramer und dem Verschwinden eines etwa gleichaltrigen Jungen vor knapp vier Jahren.

Doch das war um einige Ebenen höher. Das war weder Selbstmord noch ein ungeklärtes Verschwinden. Dies war eine Hinrichtung.

„Wissen wir schon wer das ist?“, fragte Baten in den Raum, einen alten Weinkeller. Eine Frau von der Spurensicherung senkte ihre Kamera und antwortete: „Carl Jameson, hat bei dem Kiosk um die Ecke gearbeitet.“ „Wissen wir auch ob er vermisst wurde? Wer hat ihn gefunden?“, hakte Baten

nach. „Er wohnte alleine, zwei Querstraßen weiter. Sein Nachbar hat bei einem nächtlichen Spaziergang einen Schrei gehört und es heute morgen gewagt nachzusehen.“, antwortete die Frau.

Miles stand leicht gebeugt über dem Toten und streifte sich ein paar Handschuhe über.

Kein Mensch hätte einen Ellenbogen, geschweige denn ein Knie mit bloßer Hand verdrehen können, soviel stand fest. Was auch feststand war, dass es keinerlei Spuren zu geben schien. Wenn sich der Mörder also die Mühe gemacht hatte, den Schraubstock und etwaige andere Folterinstrumente zu entfernen, weshalb ließ er dann die Leiche einfach liegen? Miles vermutete einen Racheakt, was die übertriebene Entstellung des Opfers erklären könnte. Doch wenn es sich um eine persönliche Angelegenheit handelte, warum wollte der Täter dann, dass man die Leiche fand?

„Was gefunden?“, riss Baten‘s Stimme Miles aus seinen Gedanken. „Ähh… Nein nicht wirklich. Der Täter wollte nur, dass wir die Leiche finden, mehr Hinweise gibt er nicht her.“, antwortete Miles. „Ha! Ist das also ein Rätsel, hm?“, lachte Baten und blickte im nächsten Moment bereits wieder so ernst wie er es immer tat. Miles antwortete nicht. Aus dem Augenwinkel sah er eine Person in den Raum treten. Die Spurensicherung hielt für einen Moment inne, ebenso Chief Baten. Der Mann der mit kurzen, stechenden Schritten den Weinkeller durchquerte, war dünn. Sehr dünn. Ohne seinen leicht gekrümmten Rücken und mit einem paar Schuhe, wäre er vermutlich so groß wie Miles selbst gewesen. Ja, der Mann trug keine Schuhe. Er ging barfuß. Im Oktober in einem kalten Weinkeller. Seine dunklen Augenringe hoben sich merklich von seinem bleichen Gesicht ab. Noch dunkler waren jedoch seine pechschwarzen Haare, die in dicken Strähnen nach hinten gekämmt waren. Zumindest war es versucht worden: grobe Locken und Stacheln seines Haars standen zu den Seiten seines schmalen Schädels ab. Auf seinem weißen Sweatshirt war eine schwarze Krawatte gedruckt und seine dunkelblaue Jeans hatte Risse und Löcher. Sein Alter war schwer einzuschätzen, vermutlich irgendetwas zwischen 30 und 40. Wie selbstverständlich, ging der Mann zu der Leiche von Carl Jameson und inspizierte sie ausgiebig.

„Entschuldigung, dies hier ist ein Tatort! Können Sie sich ausweisen?“, fragte die Frau von der Spurensicherung. Die Stimme des Dünnen erklang. Sie war wie ein Flüstern nur, dass es gerade eben so laut war, dass man es deutlich hören konnte: „Nein.“, -Pause- „Wir suchen nach einem Mann, der gerne Aufmerksamkeit bekommt. Er will, dass wir nach ihm suchen. Er will, dass wir sein Spiel spielen.“ Baten regte sich. Er ging auf den Fremden zu und drehte ihn vorsichtig von der Leiche weg. „Woher wollen Sie wissen, dass es ein Mann war?“ Der Dürre schien zu lächeln. Seine Zähne waren ungepflegt aber noch nicht gelb. „Sehen Sie das Kellerfenster da hinten? Das Mordwerkzeug wurde dort hindurch entfernt. Wir reden hier von einem handelsüblichen Schraubstock, der an diesem großen Holztisch dort vorne befestigt war. Dann wurden die Gliedmaßen des armen Kerls hier mit Hebelkraft ganz einfach an den Gelenken durchgebrochen.“, Der Mann knackte laut mit seinen Knöcheln und ging zu besagtem Kellerfenster, Baten folgte ihm. „Sehen Sie diese Kiste? Sie wurde verwendet um an das Fenster zu kommen. Sie stand vor weniger Zeit noch dort. Zu erkennen an den Staubspuren.“, er wies auf die rechte hintere Ecke des Raumes. „Und was hat das mit dem Geschlecht des Täters zu tun?“, warf Baten ihm ungeduldig entgegen.

„Ganz einfach“, entgegnete der Dünne und grinste. Diesmal deutlicher. „Eine Frau wäre nicht auf die Idee gekommen eine Kiste als Erhöhung zu verwenden.“ Baten guckte verwirrt. „Was labern Sie da für eine Scheiße? Wie heißen Sie überhaupt?“

„Kae Farcevolt“, antwortete Kae Farcevolt knapp. „Sie sind nicht bei der Polizei, oder? Also raus hier!“, rief Baten und schob den Mann nach draußen ohne eine Antwort zuzulassen.

Kae Farcevolt blieb still und gelassen. Er zog an seinem Oberteil, als würde er die aufgedruckte Krawatte zurechtrücken, dann drehte er sich mit einem kurzen Kopfnicken um und lief gemächlich den Bürgersteig der Chapel Street entlang. Das leise Klatschen seiner nackten Füße auf den rauen Steinplatten verklang schnell.

„Was war das denn für ein komischer Vogel?“, wendete sich Baten wieder an Miles, der die ganze Zeit über still beobachtet hatte. „Ich habe keine Ahnung.“, sagte Miles und schüttelte leicht den Kopf. In diesem schien es jedoch zu klicken. Kae Farcevolt war ein sehr intelligenter Mensch, das wollte er zeigen. Er war außerdem ein sehr exzentrischer Mensch, das wollte er ebenfalls zeigen. Die Art wie dieser Mensch war, verblüffte Miles und weckte sein Interesse.

Miles inspizierte nun seinerseits die Holzkiste unter dem Kellerfenster. „Wenn es sich tatsächlich um solch einen riesigen Schraubstock gehandelt hat, dann können wir davon ausgehen, dass unser Täter einen Komplizen hatte.“, warf er über seine Schulter in den Raum. Baten nickte gemächlich und kritzelte auf seinem Notizblock herum.

Dann entdeckte Miles einen kleinen Zettel neben der Holzkiste am Boden liegen. Es war ein viermal gefaltetes Din A4 Blatt auf dem stand: „Kommen Sie doch mal auf einen Kaffee vorbei!

-… .- -.- . .-. … - .---- ….. .---- ..--- ...--“

Es dauerte nicht lange bis Miles erkannte, dass es sich um einen ausgeschriebenen Morsecode handelte. Jedoch wusste er nicht welche genauen Buchstaben hier notiert wurden. Oder von wem.

Miles entschuldigte sich und verließ den Tatort. Er schloss seinen Mini auf und setzte sich hinter das Steuer. Eine knappe Internetrecherche später und Miles legte den Zettel nieder. „Baker Street? Ist das hier von Sherlock Holmes oder was?“, murmelte er vor sich hin. Kurze Zeit später realisierte Miles, wer ihm den Zettel hinterlassen hatte. Miles wusste wie er fahren musste. Die Frage war bloß, ob er fahren würde.

Zwei Minuten später war eine Entscheidung gefällt. Seine Neugier würde ihm eines Tages zum Verhängnis werden dachte Miles bei sich. Er lachte auf.

Die Baker Street hatte eine ungewöhnliche Ausstrahlung die Miles sofort auffiel. Es waren überdurchschnittlich viele Menschen auf der Straße unterwegs und dennoch bestand zwischen den alten Fachwerkhäusern eine beruhigende Atmosphäre. Menschen gingen ihres Weges und beachteten einander nicht. Vor der Adresse, die sich hinter dem Morsecode verbarg stand ein alter, verdreckter Land Rover. Miles fuhr links an den Bürgersteig heran und öffnete die Fahrertür. In sein Blickfeld trat jäh eben jener Mann, der vor wenigen Minuten am Tatort erschienen war. „Guten Tag von neuem Miles. Haben Sie meine Nachricht also bekommen, ja?“, warf Kae Farcevolt ihm entgegen. „Ähh… Ja habe ich. Wer genau sind Sie überhaupt Mr. Farcevolt? Sie wissen, dass Ihr Verhalten vorhin nicht in Ordnung war, richtig?“, entgegnete Miles und stieg aus seinem Auto.

Das ist was Sie wissen wollen, Miles? Sind Sie denn gar nicht interessiert, wer dem alten Carl die Flügel gestutzt hat?“, erwiderte Farcevolt und verschränkte die Arme. Miles wusste nicht was er antworten sollte und schwieg. „Miles. Sie haben als zuständige Behörden selbstverständlich das Sagen in diesem Fall, ich bin nur hier um zu helfen. Und wegen meiner eigenen Neugier natürlich.“

Wieder wusste Miles nicht wie er reagieren sollte. „Sie ähh… wollten eine Kaffee trinken Mr. Farcevolt?“, war alles was er herausbrachte. Kae Farcevolt lächelte kurz und stieg dann in sein Auto: „Kommen Sie wir nehmen meinen Wagen.“ Miles setzte einen fragenden Blick auf und deutete auf das Haus hinter ihm: „Ich dachte wir würden bei Ihnen...“ „Sie dachten ich wohne hier?“, lachte Farcevolt auf „Das war nur eine kleine Anspielung auf die Werke des Sir Doyle.“

Selbstverständlich war Miles gut erzogen worden und wusste, dass es eine schlechte Idee war, bei einem Fremden ins Auto zu steigen. Noch dazu bei einem Irren. Der barfuß durch die Gegend schlurfte.

Der Land Rover fuhr gemächlicher als Miles es erwartet hatte; der Motor war fast so leise wie der seines Minis und das grobe Pflaster der Straße wurde von dem Wagen gut abgefedert. Miles beschloss eine Konversation zu beginnen. In gewisser Weise war Farcevolt ein Verdächtiger und er war ermittelnder Polizist. „Das ist ein amerikanisches Auto. Kommen sie aus den USA? Ihr Akzent ist schwer zu deuten.“ Farcevolt lächelte kaum merklich und ließ sich einen Moment für seine Antwort Zeit. „Sie selbst sind aus Amerika, nicht? Ihr Akzent ist relativ leicht zu deuten. Ich tippe auf… Arizona?“ Miles blickte verwundert auf: „Woher… ? Ach egal. Ich habe Ihnen zuerst eine Frage gestellt!“ Kae Farcevolt musste schmunzeln, diesmal deutlicher. Seine nackten Füße wichen vom Gas und seine Arme vollführten eine geschmeidige Drehbewegung, sodass sich der Rover langsam auf die Church Road einordnete. Nachdem Miles nach Sekunden der Stille einen fragenden Blick nach rechts warf, räusperte sich Farcevolt: „Der Name unserer Stadt ist ebenfalls sehr Amerikanisch, finden Sie nicht? Castle… Springs…“, eine kurze Pause, dann erklang die Stimme des Verrückten erneut: „Passen Sie auf, Miles: Ein Cowboy und ein Oktopus gehen in eine Bar. Soweit ver-“ Weiter kam Fracevolt nicht, denn gerade als sie erneut abbogen, detonierte am Boden des Autos eine Sprengladung. Die Fliehkraft, welche durch die enge Kurve hervorgerufen wurde, reichte aus, um den Wagen in die Luft zu befördern und schließlich in der Mitte der Kreuzung, kopfüber auf den Asphalt zu werfen. Miles verlor bei dem Aufprall das Bewusstsein. Entfernte Schreie und das Hupen der sich annähernden Autos verklangen blitzschnell.

 

Als Miles die Augen aufschlug, blendete kaltes Neonlicht seine Augen. Als sich seine Pupillen nach kurzer Zeit verengt hatten, geriet wieder Schärfe in seine Sicht. Es war still. Nicht einmal auf dem Gang vor dem Raum in dem er sich befand, waren Schritte zu hören. Die drei weiteren Betten, die sich in dem Zimmer befanden, waren leer. Miles mochte den Geruch von Krankenhäusern nicht. Er bezweifelte, dass irgendjemand diesen Mief mochte.

Er konnte sich nicht bewegen; seine Muskeln wollten ihm nicht gehorchen, so sehr er sich auch anstrengte. Sein Kopf tat weh.

Miles erinnerte sich an einen Sportunfall, den er mit acht Jahren hatte. Damals war er beim Fußball spielen gestolpert und hatte sich den Fuß gebrochen. Er erinnerte sich an den Knochen, der scharf die Haut über seiner Ferse straffte. Er erinnerte sich an seine schreiende Mutter, die ihn ins Krankenhaus gebracht hatte. In seiner Erinnerung hatte sie mehr geschrien als er selbst.

Sein Kopf tat weh. Miles schaffte es den rechten Arm zu heben und sich an den Hinterkopf zu fassen. Er spürte Haut, an einer Stelle, wo normalerweise seine langen Haare hätten sein müssen. Eine narbenartige Naht zog sich quer über seinen Schädel fast bis zu seinen Ohren. Miles‘ Blick senkte sich und fiel auf seinen linken Arm. Von unterhalb des Ellenbogens bis zur Hand, war ein schwerer Gips angelegt worden. Eine Mischung aus Stöhnen und Seufzen entwich Miles‘ halb geöffnetem Mund. Neben ihm auf einem Tischchen lagen eine Klatsch-Zeitschrift über völlig irrelevante Promi-Beziehungen und ein Becher mit Wasser. Miles entschied sich dazu, den Kopf nach links zu wenden. Es war Nacht.

Die Skyline von Castle Springs war alles andere als üppig, doch wenigstens bot sie Miles die Gewissheit, dass er sich immer noch zuhause befand.

Die Stille wurde jäh durch ein leises Quietschen und eine Frauenstimme vor der Tür unterbrochen. Schließlich öffnete sich die Tür und Kae Farcevolt wurde auf einem Rollstuhl in das Zimmer geschoben. „Ich nehme für Sie mal das Bett neben Ihrem Freund da drüben, in Ordnung Mr. Farcevolt?“, wendete sich die Schwester an den Verrückten. Farcevolt nickte langsam. Sein Körper schien unversehrt, bis auf einige Kratzer in seinem Gesicht und an seinen Waden die durch das knappe Krankengewand entblößt waren. Dennoch schien der Mann nicht ganz bei der Sache zu sein. Seine Augenlider waren tief niedergesunken und dennoch schwirrten seine Pupillen übernatürlich schnell über die Einrichtung des Raumes, als würde er einen Scan durchführen. Eine Frage schwirrte in Miles‘ Kopf herum: „Was fehlt?… Was fehlt?…“ Nachdem Farcevolt mithilfe der Schwester auf sein Bett gelangt war, baute sich diese vor den beiden auf und begann zu sprechen: „Meine Herren! Es mag für Sie wie eine Floskel klingen, aber Sie sind wirklich sehr glimpflich davongekommen. Das Auto in dem Sie beide saßen, hat sich überschlagen und ist auf dem Dach gelandet. Totalschaden. Aber besser das Auto als Sie, nicht wahr? Die Fraktur an Ihrem Arm wird schnell verheilen, Sir.“, wandte sich die Pflegerin nun an Miles, welcher ein kleines Nicken zustande brachte. „Sie beide haben ein mittelschweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten, wir haben aber alles wieder zusammengeflickt.“ Sie lächelte kurz und führte weiter aus: „Kleinere Gedächtnislücken sind vollkommen normal. Bald werden eventuell fehlende Erinnerungen zurückkehren, machen Sie sich keine Sorgen.“ Miles machte sich Sorgen. „Was fehlt?…“, erklang es in seinen Hirnwindungen. Das Knallen der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Es wurde wieder still. Kae Farcevolt hob seinen knochigen Kopf und öffnete den Mund. Seine Stimme war noch leiser als sonst und so langsam, dass Miles Schwierigkeiten hatte alles zu verstehen. „Hey Sheriff. Über was denken Sie nach?“ Miles antwortete nicht. Stattdessen fragte er: „Was fehlt? Mr. Farcevolt, was fehlt?“

Kae Farcevolt runzelte die Stirn und schloss daraufhin seine Augen. Miles räusperte sich. Sein Hals schmerzte. „Das mit dem Cowboy und dem ähm… Oktopus.“, hakte er schließlich nach. „Ich weiß nicht wovon Sie sprechen, Miles.“, entgegnete Farcevolt und richtete seine Kopf gerade. Miles erkannte auch bei ihm eine frische Naht am Hinterkopf um die der Schädel des Mannes abrasiert worden war.

Minuten später erschien die Schwester erneut, erkundigte sich nach dem Befinden der beiden und löschte endlich das viel zu grelle Licht. Miles konnte nicht schlafen. „Was macht ein Oktopus in einer Bar?“, dachte er sich.

 

 

2.

 

Das zweite Erwachen in dem Krankenhaus von Castle Springs war für Miles wesentlich angenehmer. Diesmal war es natürliches Licht, das ihn aus seinem Schlaf streichelte. An dem Fußende des Bettes saß Chief Baten und las die Klatsch-Zeitschrift. Als er bemerkte, dass Miles erwacht war, legte er sie hastig zurück auf den Beistelltisch und räusperte sich kurz. „Wie geht‘s dir Kumpel?“, begann Baten. „Ganz Okay eigentlich. Gibt‘s was neues im Fall von dem Jameson Kerl?“, antwortete Miles trocken. Baten kratzte sich kurz am Kopf und schob unruhig seine andere Hand in die Hosentasche. Dann zeigte er nach rechts auf Kae Farcevolt, der aufrecht im Bett saß und mit einem Paar Socken herumspielte. Der Mann bemerkte die Geste und hielt inne. Dann schob er seinen langen Körper unter der Decke hervor und stand auf. Er war nackt.

Auch auf seinem Oberkörper waren lange Kratzer und blaue Flecken, Miles vermutete ähnliche Blessuren bei sich selbst. „Verdammt ziehen Sie sich was an, Mann!“, rief Baten sofort. Der Nackte tat so, als hätte er nichts gehört und stellte sich vor Miles auf. Er begann mit etwas, was aussah wie Dehnübungen und ließ dabei seine Gelenke knacken. „Hallo! Was soll die Scheiße!“, bellte Baten noch lauter und stand auf. Farcevolt hielt abermals inne. Er drehte sich um und lief durch den Raum. Immer im Kreis. Diesmal setzte er einen nachdenklichen Gesichtsausdruck auf. „Ach machen Sie doch was Sie wollen, Sie Irrer!“, rief Baten ein letztes Mal und setzte sich wieder. „Miles wie lange haben die gesagt mus-“, wollte Baten fortfahren, doch ein plötzliches Öffnen der Tür ließ ihn verstummen. Ein Mann trat einen Schritt herein und wollte gerade etwas sagen, da bemerkte er den Nackten. Der Mann hatte keine Arztkleidung an, Miles vermutete einen Besucher, der das falsche Zimmer erwischt hatte. Der Mann blickte Farcevolt ins Gesicht, dann Baten und Miles, dann wieder auf Farcevolt; diesmal auf seinen Schritt. Er zog leicht die Mundwinkel nach unten, machten dann auf dem Absatz kehrt, schüttelte den Kopf und verschwand mit eiligen Schritten aus dem Zimmer. „Was ich dich fragen wollte,“, wandte sich Baten nach einem kurzen Moment der Paralyse nun wieder an Miles „ob du weißt wie l-“, diesmal betrat die Schwester das Zimmer. Sie erschrak nicht. Sie lachte bloß kurz und verschwand im Badezimmer, das sich neben der Tür befand. Sie tauschte kurz die Handtücher aus und lief dann zielstrebig auf Farcevolt zu. „Hören Sie Mr. Farcevolt, Sie sollten sich was anziehen, sonst holen Sie sich noch eine Erkältung.“ Der Nackte nickte langsam und schlich zu einem der weißen Schränke um nach seiner Kleidung zu suchen. Kurze Zeit später stand er wieder in seinem bedruckten Sweatshirt und der zerrissenen Jeans vor Miles. Dieser drehte seinen Kopf in Richtung des Chiefs und beantwortete endlich dessen unausgesprochene Frage: „Sie wissen noch nichts genaues. Ich denk mal sie werden in den nächsten Tagen wissen, wann ich wieder raus kann.“

Baten nickte langsam und richtete sich schließlich auf. „Naja. Wenigstens hat‘s nicht den rechten Arm erwischt, was?“, sagte er und zwinkerte kurz. Miles verzog keine Miene. Baten blickte wieder ernst. „Wie auch immer ähh… gute Genesung wünsche ich.“, und dann zu Farcevolt: „Ihnen auch. Aber bitte halten Sie sich aus den Angelegenheiten der Polizei heraus.“ Der Dünne nickte knapp und hielt seinen Blick gesenkt, bis Chief Baten den Raum verlassen hatte. Dann begann er abermals mit dem Paar Socken herumzuspielen. „Warten Sie auch auf Besuch?“, durchbrach Miles fragend die Stille. Kae Farcevolt hielt inne und schien kurz nachzudenken. Dann schüttelte er den Kopf: „Nein… Nein nicht wirklich.“ Miles zweifelte kein Bisschen an dieser Aussage, das was der Verrückte noch an Familie haben könnte, wollte höchstwahrscheinlich nichts mit ihm zu tun haben. Miles beneidete Farcevolt. Sein Vater schrieb ihm immer noch E-Mails um sich nach dem Befinden seines Sohnes zu erkundigen. Mindestens einmal pro Woche. Miles wusste, dass sich sein Vater alleine fühlte, seit seine Mutter vor einiger Zeit verstorben war. Hinzu kam noch, dass Miles, als sein einziger Sohn, kurz darauf beschloss nach England auszuwandern um dort Polizist zu werden. Das alles war mit Sicherheit hart für ihn.

Während Miles in seinem Krankenbett lag und wartete, dass sein Unterarmknochen wieder zusammenwachsen würde, fiel ihm auf, dass seit knapp einem Monat keine E-Mail mehr von seinem Vater gekommen war. Plötzlich war Miles beunruhigt.

 

Francis Ferish schloss für einen kurzen Moment seine Augen. Er konzentrierte sich auf seine anderen Sinne und biss die Zähne zusammen. Das hohe Gras, das die Zwischenräume seiner Zehen kitzelte, sollte mal wieder gemäht werden - Nein! Das war jetzt unwichtig! Francis kniff seine Augen weiter zusammen. Blitzende Lichter begannen auf seinen Lidern zu tanzen und schienen sich über ihn lustig zu machen. Hatte er etwas falsch gemacht? Er konnte das schaffen! Alles war in bester Ordnung! - „Frank?! Komm doch rein und beruhig‘ dich mal wieder! Du kannst nicht vor allen Problemen davonlaufen!“, erklang die Stimme seiner Freundin aus der Tür hinter ihm. Seine Haustür. Zu seinem Haus. Francis seufzte. „Ja, ich komme… Einen Moment noch.“ Francis öffnete langsam seine Augen und blickte auf seine Handflächen. Seine Fingernägel hatten tiefe Kerben hinterlassen, die rötlich schimmerten. Francis blickte weiter an sich herunter und sah seine Füße: seine Zehen waren krampfartig gekrümmt und hatten einige Grashalme aus der Erde gerissen. Francis seufzte erneut und begab sich schließlich auf den Rückweg zu seiner Haustür.

Gerade einmal fünf Minuten zuvor war Francis noch in seinem Bett gelegen und hatte sich auf einen entspannten Sonntag-Vormittag eingestellt. Nun hatten ein Stückchen Plastik und ein wenig Urin alles zerstört. Nein! Er konnte das schaffen! Er konnte Verantwortung übernehmen! Verdammt reiß dich zusammen, Frank!

Francis Ferish wohnte in einem einigermaßen großen Haus mit Garten, einigermaßen weit weg von der großen Stadt, wo er arbeitete. Er verdiente gut. Gut genug um eigentlich genug Geld zu haben, sich ein anständiges Auto zu kaufen. Francis blickte zu seinem Wagen der in der Einfahrt stand: ein Land Rover. Einer, der definitiv schon bessere Zeiten erlebt hatte. Trotzdem pflegte Francis den Wagen und putzte ihn regelmäßig. Der Wagen hatte eigentlich keinerlei emotionalen Wert für ihn. Zumindest würde Francis das nicht zugeben. Er blieb stehen und drehte seinen Kopf in die andere Richtung. An beiden Rändern der sich nach oben windenden Straße zwängten sich Häuser, die genauso aussahen wie seines. Lediglich die Farbe war als einziges Mittel der Individualisierung übriggeblieben. Francis erinnerte sich an ein Lied. „Komm rein verdammt!“, erklang erneut die Stimme seiner Freundin aus dem Hausflur. Wie lange waren sie jetzt zusammen? 6 Monate? 7? Francis hatte überlegt Schluss zu machen. Aber er war einfach nicht der Typ dafür. Außerdem war es jetzt sowieso zu spät. Ein Jahr war Zeit genug um zu wissen, dass jemand absolut gegen Abtreibung war.

Laura Clark saß zitternd am Frühstückstisch. Hätte sie Make-Up aufgetragen gehabt, wäre es spätestens jetzt unter ihren Tränen verflossen. Sie nahm einen Schluck Kaffee und stellt dann ihre Tasse sanft auf den Tisch. Laura hob leicht den Kopf und blickte Francis direkt in die Augen. Dieser erwiderte den Blick nicht, setzte sich jedoch dennoch ihr gegenüber an den Tisch. Das Schweigen überdauerte einige Minuten. Für Francis war die Situation immer noch bizarr.

„Wir …“, Laura begann, musste sich jedoch räuspern und wiederholte sich: „Wir schaffen das schon irgendwie.“, sie glaubte an das was sie sagte. Sie liebte ihren Freund. Dachte sie jedenfalls.

Laura versuchte erneut Augenkontakt herzustellen; diesmal wurde ihr Blick erwidert. „Wie sicher sind diese Tests eigentlich?“, flüsterte Francis über den Frühstückstisch, als hätte er Angst vor der Antwort. Laura begann erneut zu zittern. Das tat sie immer, wenn sie etwas tierisch aufregte oder sie nervös war. In diesem Fall war es wohl Ersteres. Irgendwie schaffte sie es dennoch die Kontrolle über ihren Körper zu behalten und antwortete: „Ziemlich sicher, Frank.“

 

Kae Farcevolt hatte das tierische Verlangen zu blinzeln. Er wehrte sich dagegen. Würde er auch nur für den Bruchteil einer Sekunde die Augen schließen, wäre alles verloren. Dieser Ansicht war er selbst zumindest. Vor selbigen, grün-grauen, mittlerweile geröteten Augen, befand sich der Monitor eines Computers. Dieser wiederum, strahlte Zahlen und Buchstaben in Kae Fracevolt's bleiches Gesicht. Er schrie. Nicht besonders laut, aber laut genug um Miles zu alarmieren, der sofort in das Zimmer gerannt kam. „Was ist denn los, Mr. Farcevolt?“, rief er beunruhigt und außer Atem. Der Verrückte wendete den Blick nicht von dem Bildschirm ab und sprach, wobei er kaum die Lippen bewegte: „Das da. Ähh … Die Aufzeichnungen. Machen Sie ein Foto davon! Bevor ich blinzle! Schnell!“ Miles trat zwei weitere Schritte in den Raum und blickte auf den Monitor. Dann wendete er sich Farcevolt zu, der in einem alten Schreibtischstuhl saß und nervös mit seinen Fingern spielte. „Das Dokument wird sich nicht löschen, wenn Sie die Augen schließen, Mr. Farcevolt.“, Miles versuchte zu lachen. „Nun machen Sie schon!“, erwiderte der Mann aufgebracht. Miles zückte sein Handy und schoss widerwillig ein Foto von den Zeilen, die Farcevolt offenbar selbst aufgeschrieben hatte. Erleichtert lehnte sich der Mann in seinem Stuhl zurück und schloss seufzend die Augen.

Miles inspizierte nun genauer, was der Verrückte geschrieben hatte:

 

Weinkeller, Polizei (7(8)) ? M., Baten, 5x SpuSi (tot: C. Jameson ? Arme + Beine gebrochen, Augen XX) Kiste(Jefferson&Watson Fruits (??)) Schraubstock (Modell mit 3 Schrauben (an DunkelE.-tisch)) „[Christina Faraday] „ [Emily? – Lucy??]

Auto ? Boom Kopf ((Schädel-Hirn) auch M.(+linker U.-Arm))

Krankenhaus (weiß) ? fälschlich: ich nicht Takeshi Toco-psu (?) [Pflegerin: S. Saint] Tag deux: M. Besuch (Baten ? u.e.) (liest Heft) Essen (Nudeln + komische Soße (u.e.)) Tag trois: gesamt: unw. --Etc.-- alles klar jetzt QED..

Martin C. (??) Calbourne Investig.

 

Miles las sich die Zeilen mehrmals durch, nun von dem Foto auf seinem Handy. Es ergab für ihn wenig Sinn. Dieser MANN ergab wenig Sinn. Miles beschloss nicht weiter nachzufragen. Stattdessen begab er sich in das Wohnzimmer des Hauses, in dem er auch vor Farcevolts Schrei schon gesessen hatte. Die Einrichtung des Hauses war nicht so spartanisch, wie man hätte vermuten können. Auf jeden Fall nicht, wie Miles sich die Wohnung eines Verrückten vorgestellt hatte. Ein gemütliches schwarzes Sofa, erzeugte mit einem großen Ohrensessel und einem Flachbildfernseher einen Halbkreis, der mit einem flachen, schwarzen Teppich ausgelegt war. Gegenüber des Sessels befand sich ein Esstisch mit einem einzigen Stuhl, hinter dem sich eine kleine Küche befand. Über die Längsseite des doch ziemlich großen Raumes, erstreckte sich eine Fensterfront, durch die man das Südende von Castle Springs begutachten konnte. Auf der gegenüberliegenden Wand, in der sich die Tür zu Farcevolt's Büro befand, hing ein Bild. Das einzige in der ganzen Wohnung. Es war gut einen Meter hoch und über einen halben Meter breit und zeigte einen schwarzen Fleck; ähnlich einem Bild aus dem Rohrschach-Test. Miles strengte sich an, doch er konnte nichts erkennen. Als der Barfüßige lautstark, seine Füße klatschten auf den steinernen Fliesen, sein Büro verließ, hielt er kurz inne und beobachtete Miles, der mit schiefem Kopf vor dem Gemälde stand. Miles drehte seinen Kopf und räusperte sich. Kae Farcevolt grinste breit. „Und? Was sehen Sie Miles?“ Miles überlegte kurz und entgegnete: „Vielleicht eine Person? Die Arme hier sooo …links und rechts.“ Miles hob seinen linken, eingegipsten und den rechten, gesunden Arm und verharrte in der Position.

Er kam sich vor, wie einer der Village People. Der Verrückte lachte.

Miles und Farcevolt waren beide an diesem Tag aus dem Krankenhaus entlassen worden und der schwarzhaarige Irre hatte Miles, wie eigentlich schon vor zwei Wochen geplant, zu sich auf einen Kaffee eingeladen. Es war Miles durchaus bewusst, dass es eine schlechte Idee war, sich mit einem Verrückten einzulassen. Dennoch obsiegte seine Neugier; wie so oft.

Chief Baten hatte Miles einige weitere Male im Krankenhaus besucht um sich nach seinem Wohl zu erkundigen. Ab und zu konnte Miles das Gesprächsthema geschickt auf den Fall Jameson lenken, jedoch schien Baten selbst nicht die leiseste Ahnung zu haben, was das Motiv hätte sein können geschweige denn, wer überhaupt als Täter in Frage käme. Die Polizei tappte im Dunkeln. Auch was die mysteriöse Explosion am Boden des Land Rovers betraf, schien es keinerlei Hinweise zu geben. Sprengstoffexperten schätzten die Sprengladung auf eine provisorische Bombe aus Glycoldinitrat; einen Stoff, der die Sprengkraft von Nitroglycerin übersteigt. Höchstwahrscheinlich wurde der Sprengsatz ferngezündet, über den Rest ließe sich nur mutmaßen.

Den Weg vom Krankenhaus bis zu Farcevolts Wohnung, legten sie mit dem Bus zurück. Es war keine lange Strecke, fand Miles. Im Bus fiel ihm außerdem auf, wie komisch die Leute auf die Füße des Irren starrten, welche selbstverständlich unbekleidet waren. Miles musste schmunzeln. So merkwürdig, wie es sich auch anhören mochte, irgendetwas an diesem Mann kam ihm plötzlich äußerst vertraut vor.

Miles sah, dass Farcevolt ein weiteres Auto besaß, welches vor seiner Wohnung auf einem Parkplatz stand. Es handelte sich um ein noch älteres Land Rover Modell, den Farcevolt sofort ansteuerte, als sie den Bus verlassen hatten, der an einer Haltestelle um die Ecke gehalten hatte. Er checkte die Scheiben und schloss kurz auf um den Innenraum zu überprüfen. Sichtlich erleichtert wandte er sich danach wieder an Miles und geleitete ihn zu seiner Haustür. Als Miles Farcevolt auf das Auto ansprach, grinste dieser nur geheimnisvoll.

Nach dem Kaffee, der ohne großen Wortwechsel eingenommen worden war, hatte sich Farcevolt in sein Arbeitszimmer begeben und Miles angeboten, sich im Wohnbereich niederzulassen.

Hierhin begab sich Miles nun erneut, nachdem er das Rohrschach-Gemälde inspiziert hatte. Er war ermittelnder Detective, es sollte ihn nicht stören, sich ein wenig umzusehen. In dem Schubfach eines flachen Couchtisches fand er einige Aufzeichnungen, die mit Kugelschreiber auf ein gelbliches Papier geschrieben worden waren.

 

Mitschrieb nach Aufzeichnung von Interv.: -Castl.S.-:

- Ist Castle Springs nicht ein unüblicher Name für eine britische Kleinstadt? (lacht) also der Springs-Teil zumindest.

In der Tat. Das fiel mir sofort auf, als ich nach C. S. Zog. Ich bin ja nicht von hier wie Sie wissen.

- Aber woher kommt der Name denn nun?

Nun ja, wir haben ein Schloss… und zwei Flüsse, die sich kreuzen und deren Quellen im nördlichen Gebirge liegen…

- Das habe ich nicht gemeint, aber…

Ich weiß- Aber vielleicht hatte unser Gründer eine Vorliebe für das Amerikanische. Wollten Sie mich nicht zu dem jungen Cramer befragen?

- Was? Nein wir…

Eine ausgezeichnete Frage! Nein ich kannte den Jungen nicht. Verwunderlich, denn unsere Stadt ist ja wirklich sehr klein. Kannten Sie ihn denn?

- Was? Ähh… Nein ich weiß nicht wieso Sie…

Interessant. Sie waren doch bezüglich der Vorkommnisse letztes Jahr an der Schule um die Angehörigen zu interviewen? Cramer war auch darunter.

- Achso wenn Sie das meinen dann… Okay zurück zu-

Laut Ihrem Artikel war Cramer sehr zurückhaltend, trotz der Tatsache, dass seine Cousine von einem Zug weggefegt worden war. Finden Sie nicht? Möchten Sie diese Aussage revidieren?

- Keinesfalls! Ich habe nur geschrieben, was der Wahrheit entsprach!

Hmm… Ihr Artikel endet mit Cramer‘s, zugegeben sehr dünnen Bericht. Jedoch zeigen meine Untersuchungen, dass ein Schüler im speziellen seine Aussage nicht in Ihrem fertigen Artikel wiederfand. Was sagen Sie dazu?

- Werde ich nun hier interviewt, oder was soll das?

Da muss ich Sie erneut unterbrechen, Sir. Ihr unwichtiges Interview ist mir so egal, wie der Staub auf meinem Bücherregal. Ich bin hier anwesend um mehr über Cramer‘s Tod in Erfahrung zu bringen.

- (zu Kameramann) Stoppen Sie die Aufzeichnung!- Verdammt Mr. F., es geht hier um C. S. Und nicht um den Selbstmord des Cramer Jungen!

Selbstverständlich. (ich lächle) Auf Wiedersehen. (ich stehe auf und gehe)

- (leise) Verdammte Scheiße. Dieser barfüßige Irre…

Ich stoppe die Aufzeichnung –

 

Miles legte seufzend den Zettel nieder. „Ich habe das Gefühl, ich verstehe gar nichts mehr.“, sagte Miles zu Farcevolt, der gerade aus der Küche kam und sich auf dem Sessel niederließ. Er lächelte kurz. „Miles.“, begann er. „Sie werden eine Weile brauchen, bis Sie meine Aufzeichnungen verstehen können.“ Er nippte an einer frischen Tasse Kaffee. „Möchten Sie auch noch einen?“, fragte er und wollte sich aufrichten. „Nein, Nein. Vielen Dank.“, lehnte Miles höflich ab. Stattdessen entschied er, sich dem Mann zu öffnen: „Ich glaube ich werde verrückt…. Wie gesagt ich verstehe gar nichts mehr.“ Kae Farcevolt‘s Gesicht blieb ernst: „Ein weiser Mann hat einmal gesagt: ‚Verrückte wissen gar nicht, dass sie verrückt werden‘, also können Sie gar nicht verrückt werden.“ Miles dachte einen Augenblick nach. Dann erwiderte er: „Glauben Sie, dass Sie verrückt werden, Mr. Farcevolt?“ Mit einem leisen Klirren wurde die Kaffeetasse auf den gläsernen Tisch gestellt. Dann räusperte sich Kae Farcevolt, verschränkte langsam seine Arme und zeigte lächelnd seine Zähne – Es kam keine Antwort. Miles hatte auch keine erwartet.

 

 

3.

 

Francis Ferish putzte sein Auto. Das tat er immer, wenn er alleine sein und abschalten wollte. Seine Freundin war in die Stadt gefahren, um einige Einkäufe zu erledigen. Das kam Francis ganz recht. Aus seinen alten Kopfhörern schallte Country-Musik in seine Ohrmuscheln. Er lies sich Zeit. Er schloss seine Augen. Schäumendes Wasser rann seine muskulösen Oberarme nach unten und tropfte auf seine Schuhe. Francis öffnete seine Augen und realisierte, dass sich seine Fingerspitzen tief in den Schwamm gegraben hatten. Er senkte seine Arme; er versuchte seinen Griff zu lockern. Er konnte es nicht. Er konnte DAS nicht. Francis schloss seine Augen erneut und drehte sich blind um glatte 180 Grad. Als er seine Lider hob, sah er auf dem Bürgersteig einen Jungen stehen, der ihn zu beobachten schien. Francis schätzte ihn auf sieben oder acht Jahre. Der Junge kratzte sich an seinem zotteligen, schwarzhaarigen Kopf und blinzelte einige Male. Francis spähte nach links und rechts, jedoch sah er keinen Erwachsenen in der Nähe. Schließlich zog er seine Kopfhörer vom Kopf. „Hey, du. Wo sind denn deine Eltern?“, fragte er vorsichtig. Der Junge ging einen Schritt nach vorne und hob sein Kinn, bevor er zu sprechen begann: „Die sind zuhause, Sir.“ Francis schaute sich erneut um, nur um festzustellen, dass immer noch niemand zu sehen war. „Und wo wohnst du denn?“, hakte er weiter nach. Der Junge blieb stumm. Erst jetzt fiel Francis auf, dass der Junge weder Socken noch Schuhe trug. „Ist dir nicht kalt da unten? Komm doch mal rein.“, sagte Francis und wies auf seine Haustür. Der Junge zögerte keine Sekunde und stapfte zielsicher zur Haustür von Francis Ferish‘s Haus. Er fand es merkwürdig, dass das Kind keinerlei Hemmungen zu haben schien, was fremde Männer anbetraf. „Wie heißt du überhaupt?“, rief Francis dem Jungen zu, bevor dieser die Türschwelle übertreten hatte. „Kaelan Socrates Farcevolt, Sir.“, sagte Kaelan Socrates Farcevolt und grinste breit.

Als Laura Clark kurze Zeit später von ihrem Einkauf wiederkehrte, fand sie ihren Freund am Küchentisch sitzend vor; mit einem Glas Whiskey vor sich. Ihm gegenüber saß ein kleiner Junge mit schwarzen Haaren, der ein Glas Orangensaft vor sich auf dem Tisch stehen hatte. Beide drehten sich zeitgleich zu ihr um, als sie die Haustür aufschloss. Laura blieb kurz stehen und setzte einen fragenden Blick auf. Francis musste lachen und erzählte knapp, was sich ereignet hatte. „Ich hab‘ bis jetzt nicht rausfinden können, wo der Junge wohnt.“, gab Francis schließlich zu. Laura ging auf Kaelan zu und strich ihm sanft durchs Haar. „Machen Sie sich keine Sorgen um mich, Mister Ferish und Lady Clark.“, sagte der Junge leise und erhob sich vom Tisch. „Woher… ?“, begann Laura zu sprechen, doch sie wurde von der hohen Stimme des Kindes unterbrochen: „Viel Glück für ihre Zukunft. Also für Ihre Familie, meine ich.“ Kaelan Socrates Farcevolt verbeugte sich und lief langsam auf die Haustür zu. „Warum ist denn der Junge barfuß?“, wunderte sich Laura und drehte sich fragend zu ihrem Freund um. „Das ist die einzige Frage die du hast, Schatz?“, Francis lachte laut auf. Einige letzte, leise Klatsch-Geräusche, welche die Füße des Jungen auf den steinernen Fliesen erzeugten, dann fiel die Haustür ins Schloss. Immer noch verwirrt ging Laura nun zu Francis und küsste ihn auf den Mund. „Hi, erstmal.“, lächelte Laura und fuhr fort: „Geht‘s dir gut, Ja?“ Francis Ferish grinste breit und gab ihr einen weiteren Kuss. „Ich glaube, wir schaffen das.“, meinte er zuversichtlich und erhob sich.

 

„Warum besitzen Sie zwei Autos, Mr. Farcevolt?“, rief Miles in die Küche, wo der Dürre gerade seinen dritten Kaffee aufbrühte. „Falls eins davon in die Luft gehen sollte!“, ertönte Farcevolt‘s Stimme über das Blubbern kochenden Wassers. Miles verspürte den Drang das Haus zu verlassen. „Ich glaube, ich werde jetzt dann gehen. Vielen Dank für den Kaffee nochmal!“, ratterte er herunter, während er sich erhob und die Haustür ansteuerte. „Alles klar, Miles. Machen Sie‘s gut, ja?“, erwiderte Farcevolt und hob lächelnd seine Hand. Miles griff locker zu und entgegnete nach einem Räuspern: „Wir werden uns bestimmt einmal wiedersehen, nicht wahr, Mr. Farcevolt?“ Der Mann grinste und nickte sanft. „Das garantiere ich Ihnen.“, sagte er leise.

Miles beschloss, den Weg zu seinem Zuhause zu Fuß zu bestreiten. Ihm war einfach danach. Außerdem dauerte es länger und er konnte sich selbst länger von seiner heruntergekommenen Wohnung fernhalten. Als Miles nach wenigen Minuten in die Axilium Road einbog, erkannte er vor einem Automobil-Geschäft eine Obdachlose, die in eine Decke gehüllt auf dem Boden kauerte und einen sonderbaren Gegenstand in ihren Händen hielt. Als er weiter auf sie zuging, erkannte er, dass es sich um eine Krähe handelte, die auf dem Schoß der Frau saß. Außer ihnen war niemand auf der Straße. Kein Auto fuhr; keine Menschen waren unterwegs. Miles kam ein Gedanke in den Kopf: Er wollte sich neben die Frau setzen. Als er sich ein wenig unbeholfen, mit dem Gips in die Höhe gereckt niederließ, schaute die Frau auf und der Vogel richtete sich krächzend auf. Sie hatte wirre rote Haare, die zu den Seiten ihres Kopfes ab standen und lediglich durch ein löchriges, kariertes Kopftuch gebändigt wurden. Ihre Augen schienen grün zu sein, jedoch schienen sie merkwürdig zu glänzen. Miles schätzte ihr Alter auf Anfang vierzig, wenn nicht noch jünger. „Guten Tag, Miss.“, sagte Miles vorsichtig. Die Frau starrte direkt in seine Augen und öffnete langsam ihre aufgeplatzten Lippen. „Guten Tag, Sir.“, flüsterte sie und lächelte sanft. Der Vogel krächzte erneut und begab sich in eine Liegeposition. „Er hat mir gesagt, dass Sie kommen würden, Miles.“, fuhr die Frau fort. „Woher…“, Miles unterbrach den Satz und stellte sich in Gedanken selbst einige Fragen. Warum hatte er sich zu dieser Obdachlosen gesetzt? Was war los mit ihm? Warum lies er sich in letzter Zeit immer wieder mit Verrückten ein?

„Über was denken Sie nach, Miles?“, fragt die Frau nach einigen Momenten der Stille. „Ähm… Nichts, nichts.“, erwiderte Miles verlegen und bemühte sich sichtlich, wieder aufzustehen. Er kratzte sich mit einem Stirnrunzeln am Kopf und verabschiedete sich von der Frau: „Auf Wiedersehen, Miss…“

„Emily. Sagen Sie Emily zu mir, Miles.“, half die Frau ihm auf die Sprünge. Emily… Der Name suchte in Miles Gedanken nach einem Zusammenhang.

Farcevolts Aufzeichnungen! Miles atmete verblüfft aus und setzte zu einem Schritt an. „Ihnen geht es gut, Miles. Lassen Sie sich nicht von Kae verwirren. Der Mann ist verrückt!“, sagte die Frau mit verschmitztem Blick. Miles nickte langsam und trat seinen Heimweg erneut an.

Die Rückkehr in seine Wohnung entlockte Miles jedes Mal ein Seufzen. Auch Jahre nach seinem Umzug nach Castle Springs fühlte sich die Kleinstadt nicht wie eine Heimat an. Miles hatte kein Heimweh. Er stritt es zumindest ab. Dennoch war er nun seit über vier Jahren nicht mehr in den Staaten gewesen. Er beschloss nun endlich eine E-Mail an seinen Vater zu schreiben.

 

Francis Ferish stöhnte laut auf, bevor er sich mit letzter Kraft auf den Rücken drehte. „88!“, stieß er unter heftigen Atemstößen hervor. Seine Freundin stand lächelnd im Türrahmen und konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. „Versuch du doch mal 90 Liegestütz!“, rief Francis ihr zu; immer noch außer Atem. Er richtete sich auf und ging auf Laura zu. Sie trafen sich in der Mitte des Zimmers und umarmten einander. „Mit ihm hier schaff ich wohl keine einzige, Frank!“, lachte Laura und strich sanft über ihren mittlerweile angeschwollenen Unterleib. Francis lachte leise und ein Moment der Stille stellte sich ein. „Ich finde Miles ist ein schöner Name…“, durchbrach Laura schließlich das Schweigen. Francis dachte nach. Miles war tatsächlich ein schöner Name… „Wollen wir nicht endlich mal heiraten, Laura?“, erwiderte er plötzlich und bemerkte im selben Augenblick, wie sich Lauras Arme um seinen Bauch lockerten. „Ja… Ja das sollten wir vermutlich.“, sagte sie leise und löste sich schließlich ganz aus der Umarmung. „Miles klingt gut.“, flüsterte Francis hastig, bevor Laura sich mit einem schwachen Lächeln umdrehte und das Wohnzimmer verließ.

 

Miles Ferish stocherte nachdenklich mit einer Gabel in einem Teller mit Nudeln. Der Mauszeiger blinkte stetig vor ihm auf dem Monitor seines Computers. Er schien etwas Ungeduldiges auszustrahlen.

Miles beschloss es bei hohlen Phrasen wie ‚Alles in Ordnung da drüben?‘ oder ‚Mir geht’s gut.‘ zu belassen und klickte schließlich auf Senden. Schon waren seine Gedanken ganz woanders. Er wollte Kae Farcevolt näher kennenlernen. Wegen dem Fall? Nein. Irgendetwas an diesem Mann faszinierte Miles, er wusste selbst nicht was genau es war. Er würde dem Verrückten gleich am nächsten Tag einen Besuch abstatten. Er war aufgrund seiner Verletzung ohnehin vom Dienst befreit worden und sah keinen Sinn darin, sich in seiner kleinen, einsamen Wohnung zu langweilen. Farcevolt hatte Recht gehabt: sie würden sich bald wiedersehen.

Derya Farcevolt steht nachdenklich an der Reling der 'New World' und blickt auf das Meer hinaus. Sie hat es schon immer gemocht. Irgendeine Verbindung scheint sie immer wieder zurückzuführen. Das Meer. „Kaelan komm raus und sieh dir die Aussicht an!“, ruft sie in Richtung des kleinen Häuschens, dass auf dem Boot steht. Mit leisen Tapsern nähert sich ihr Sohn barfüßig und lächelt schließlich verunsichert. „Was ist los, Kae?“, fragt seine Mutter und kniet sich zu ihm nieder. „Ich glaube das wird ein heftiger Sturm, Mama.“, flüstert er. „Ach was! Ein großer Junge wie du, braucht sich doch nicht vor einem kleinen Gewitter zu fürchten. Du bist doch bald schon wie alt?“, erklärt Derya beschwichtigend. „7.“, antwortet Kaelan Farcevolt langsam. „Na also! Das schaffen wir schon.“, sagt sie zuversichtlich und umarmt ihn.

Ein fernes Donnergrollen. Ein zweites; diesmal näher.

Ein dicker Regentropfen. Ein zweiter. Dritter. Vierter.

Plötzlich bäumen sich die Wellen auf und die 'New World' schwankt heftig auf den Schaumkronen hin und her. Unter dem lauten Regen dringt ein Schrei zu Kae herüber. „Mamaaa!“, schreit er mit aller Kraft, bevor er das Gleichgewicht verliert und nach hinten kippt. Sein Kopf trifft auf irgendetwas hartes, dann wird ihm Schwarz vor Augen.

Als Kaelan die Augen öffnet, ist das Meer verschwunden. Er steht auf einem Turm. Es ist Nacht. Hier ist der Regen nicht so stark wie gerade eben noch. Was ist hier los? Vor ihm steht eine schemenhafte Gestalt an der Brüstung des Turmes. In ihrer linken Hand hält sie eine Pistole, mit der rechten eine weitere Person, die mindestens bewusstlos zu sein schien, am Kragen. „Sie Verdammter Schnüffler! Sie machen alles kaputt! Ich bring Sie um, Mann!“, ruft die Gestalt und fuchtelt wild mit der Waffe herum. Das Gesicht der Person kommt Kae bekannt vor. Es ist ein Junge; bestimmt noch nicht einmal 18 Jahre alt, seine nassen Haare kleben ihm auf der Stirn. Kae geht einen Schritt zurück und hebt die Hände. Der Junge will gerade seine Waffe heben, als die Person zu seiner rechten plötzlich zu stöhnen beginnt. „Verdammte Scheiße!“, ruft der Junge und steckt hastig seine Pistole weg. Dann greift er mit beiden Händen den Kragen der Gestalt und wirft sie über die Brüstung des Turmes. Als ein harter Aufschlag ertönt, hat sich Kae bereits umgedreht und ist über eine Wendeltreppe geflüchtet. Die Schreie des Jungen hinter ihm verklingen schnell.

Er öffnete die Augen. Diesmal in Wirklichkeit. Langsam tastete Kae Farcevolt an seinem schlanken Körper hinab; er war schweißüberströmt. Ein Seufzen entwich seiner trockenen Kehle, bevor er es schaffte sich aufzurichten. Es klingelte. Seine Türklingel schallte unangenehm in seinen Ohren. „Moment.“, flüsterte er und schlurfte zu seiner Haustür. Gerade als er die Klinke drücken wollte, fiel ihm auf, dass er komplett nackt war. „Was soll's.“, flüsterte er wieder und öffnete mit zusammengekniffenen Augen die Tür. „Verdammt, Mr. Farcevolt! Ziehen Sie sich doch etwas an, bevor Sie die Tür aufmachen!“, ertönte Miles Stimme direkt vor ihm. Farcevolt öffnete die Augen und lächelte ihm schlaftrunken entgegen. „Welch eine Überraschung, Miles!“, lachte er und fuhr fort: „Kommen Sie doch herein.“

Miles fühlte sich bereits jetzt, nach seinem zweiten Besuch, wohl in Farcevolts Wohnung. Woher kam dieses Gefühl von Vertrautheit gegenüber diesem Kerl? Miles konnte sich diese Frage nicht beantworten. Er vermutete, dass die Verrücktheit des Mannes auf ihn abfärbte. Aber trotzdem: Was wollte er eigentlich hier? „Was wollen Sie eigentlich hier?“, unterbrach Farcevolt Miles' Gedanken und hielt ihm eine Tasse Kaffee hin. Er hatte sich einen Bademantel übergeworfen und steuerte nun die Couch in seinem Wohnzimmer an. „Ähm... Na wegen dem versuchten Attentat auf uns natürlich.“, stieß Miles hervor. „Haben Sie denn irgendwen im Kopf, der Ihnen so etwas antun wollen würde?“, fuhr er fort. Kae Farcevolt setzte sich und setzte einen nachdenklEine Minute verstrich. „Ich habe das Gefühl, Calbourne ist die Antwort.“, sagte er plötzlich und stand hastig auf. „Das Schloss meinen Sie?“, rief Miles ihm hinterher, als der Irre mit langen Schritten auf sein Schlafzimmer zueilte. „Ja.“, erklang die knappe Antwort, kurz bevor Farcevolt vollständig angekleidet aus dem Zimmer trat. Naja nicht ganz vollständig natürlich; die Socken fehlten und Miles war sich zudem sicher, dass sich der Mann auch keine Schuhe anziehen werden würde. Diesmal war auf seinem Sweatshirt eine comichafte Ritterburg abgedruckt, vor der ein Ritter zu Pferd eine große bunte Flagge schwang. Farcevolt lächelte und klimperte mit seinem Schlüsselbund. Miles verspürte kein gutes Gefühl, noch einmal in einen Land Rover zu steigen, doch nachdem er sich dreimal vergewissert hatte, dass sich am Boden des Wagens keine Bombe befand, stieg er schließlich ein. „Calbourne also?“, fragte er skeptisch. „Sie werden sehen, Miles. Warten Sie's ab.“, entgegnete Kae Farcevolt und startete den Motor.

gar nicht Es war nicht direkt Desinteresse, nein, das Castle schien etwas Abweisendes auszustrahlen, weswegen Miles sich davon fernhielt. Trotz der schönen Aussicht. Als sie die geschwungene Straße hinauffuhren, die Miles das letzte Mal in hinuntergefahren war, dachte er über den Fall Martin Cramer nach.

Miles erinnerte sich plötzlich an das Bild, das er von Farcevolts rätselhaftem Dokument gemacht hatte. Nachdenklich entsperrte er sein Smartphone und öffnete den Foto-Ordner. Ganz oben links war es. Er vergrößerte das Bild. All diese Namen... Christina Faraday, Emily, Lucy... Was hatte es damit auf sich? „Mr. Farcevolt, warum haben Sie mich das hier abfotografieren lassen?“, fragte Miles nach rechts, wo Kae Farcevolt saß. Er lächelte und hob leicht die Augenbrauen bevor er antwortete: „Naja, weil ich nicht wollte, dass meine Notizen verloren gehen. Ich habe ja kein fotografisches Gedächtnis.“ Miles runzelte die Stirn und erwiderte: „Ja aber die Datei ist doch auf Ihrem Rechner, oder?“ Farcevolt lächelte abermals. „Nein sonst könnten sie sie ja stehlen. Ich will nicht, dass sie wissen wie viel ich weiß.“, erklärte er. „Wen meinen Sie denn jetzt schon wieder?“, Miles Frage klang fast wie ein Seufzen. „Geduld, Miles. Haben Sie Geduld.“, sagte Kae Farcevolt beschwichtigend. Dann kam der Wagen langsam zum Stehen. „Wir sind da.“

 

Miles fühlte sich sichtlich unwohl in seinem Cowboy-Kostüm. Seine Mutter drückte auf den Auslöser und zeigte lächelnd ihre Zähne. Miles musste kichern. Eigentlich freute er sich auf Halloween. Schon seit Wochen. Es war das erste Mal, dass er alleine Süßes oder Saures spielen durfte. Naja, Kae würde dabei sein, aber der war cool. 18 Jahre alt und Miles bester Freund. Auch Miles Vater mochte Kae. Sie kannten sich schon ewig. wie ein großer Bruder.

Der Motor des Land Rovers ertönte in der Einfahrt und verstummte kurz darauf wieder. „Danke echt, Frank, ich weiß wie sehr du den Wagen liebst.“, erklang Kaes Stimme durch das geöffnete Wohnzimmerfenster. „Ich werde mir das neue Modell kaufen, das passt schon. Aber bitte mach keine hässliche Lackierungen drauf!“, antwortete die Stimme von Miles Vater. Beide lachten. „Keine Sorge, Frank, ich werde das Auto hüten wie meinen Augapfel.“, beteuerte Kae. Dann öffnete sich die Haustür und die beiden betraten das Haus der Familie Ferish. „Hallo, Familie!“, rief Francis und küsste Laura auf den Mund und Miles auf die Stirn. „Hey, Kleiner!“, begrüßte Kae Miles und gab ihm ein High-Five. „Gar nicht mehr klein, Kae! Ich bin immerhin schon 10!“, rief Miles empört. Kae musste lachen. „Na dann mal viel Spaß euch beiden! Aber kommt nicht so spät heim!“, mahnte Francis und sagte leise zu Kae: „Pass ja auf meinen Sohn auf, ja?“ Kae nickte kräftig und erwiderte ernst: „Ich weiß ja, auf was ich achten muss.“ Francis lächelte wieder. „Viel Spaß, ihr zwei!“, rief nun auch Laura aus der Küche hinüber, woraufhin Miles hastig mit seiner rechten Hand winkte und aus dem Haus stürmte.

 

 

4.

 

Es waren kaum Touristen auf der Burg; viele Parkplätze standen leer. Selbst bei dem vergleichsweise guten Wetter schien eine Stätte des Selbstmordes nicht viele Besucher anzulocken.

Als die beiden den kurzen Kiesweg zum Eingang der Burg hinaufliefen, bemerkte Miles das Haus des alten Mannes, den er vor vier Jahren ausgefragt hatte. Es stand ein wenig weiter abseits, als in seiner Erinnerung, dennoch sah es exakt gleich aus wie damals.

„Woher kennen Sie Emily?“, nahm Miles nun seine Befragung wieder auf. Der Irre blieb kurz stehen und hob die Augenbrauen. Dann räusperte er sich und begann: „Emily? Jetzt schon? Normalerweise hätte das länger dauern müssen…“ Die Antworten des Verrückten begannen Miles zu frustrieren. Er wollte nicht auch noch seine Vernunft verlieren. „Können Sie eigentlich nur in Rätseln sprechen, oder tun Sie das absichtlich, um mir auf die Nerven zu gehen?!“, platzte es aus Miles heraus. Kae Farcevolt antwortete nicht. Stattdessen hob er seinen rechten Fuß und kratzte einige Kieselsteine von seiner nackten Fußsohle. Dann: Stille. Nicht einmal die Steinchen unter ihnen schienen ein Geräusch zu machen. Dann traten sie in den Kernschatten des großen Turms; schlagartig wurde es kalt und windig.

Nachdem sie bei einem mürrischen Kassierer zwei Eintrittskarten gekauft hatten, steuerte Farcevolt den großen Turm an. Jener Turm, von dem sich Martin Cramer vor vier Jahren hinuntergestürzt hatte. An der steilen, brüchigen Wendeltreppe war ein dünnes Metallgeländer angebracht worden, welches jedoch schon ziemlich verbogen war. Buntes Graffiti zierte die runden Innenwände des Turmes und wurde durch die Luke ganz oben schummrig beleuchtet. Während Miles versuchte den Haufen an Fledermauskot auszuweichen, schien es Farcevolt überhaupt nicht zu stören, barfuß in sie hineinzutreten. Noch immer sprach keiner der beiden ein Wort. Schließlich waren sie unterhalb einer alten Holzluke angekommen und standen vor einer eisernen Leiter. „Ich werde vorausgehen und Ihnen helfen, Miles. Sie wissen schon, wegen Ihrem Arm.“, beendete nun Farcevolt das Schweigen und stieg geschickt die Sprossen hinauf. Dann hielt er Miles seine Hand durch das Loch nach unten entgegen: „Kommen Sie.“ Nach ein wenig unkoordiniertem Klettern, stand auch Miles oben. Er atmete tief ein: Die Luft war unendlich mal besser als innen. Dafür, dass es Oktober war, war es erstaunlich warm. Dennoch wehte ein angenehmer Wind.

Kae Farcevolt lief scheinbar ziellos im Kreis und bleib ab und an kurz stehen und blickte in die Ferne. Irgendetwas schien er vor sich hin zu murmeln. „Was tun Sie da, wenn man fragen darf?“, äußerte sich Miles und legte fragend den Kopf schief. „Ich überlege, wo ich stand, als Cramer den Jungen da runtergeworfen hat.“, antwortete der Mann ausdruckslos. Was? „Was?“, fragte Miles nun komplett verwirrt. „Na, den Kowalski Jungen.“, gab Farcevolt zurück. „Der Vermisste?“, hakte Miles immer noch verwirrt nach. Der Irre drehte sich nun um und sah ihm direkt in die Augen: „So wirklich vermisst ist er ja nicht, er liegt in Cramers Grab.“ Cramers Grab? Was? Miles musste sich setzen. Ergab irgendetwas hiervon Sinn? Er wusste es nicht.

 

„Kae?“

„Ja?“

„Mein Vater hat erzählt du willst nach England ziehen.“

„…“

„Warum bleibst du nicht hier in Arizona?“

„Ich will Detektiv werden, Miles. Ich brauche einen Neuanfang.“

„Aber was wird aus mir?“

„Du, mein Kleiner, bleibst in der Schule und wirst mal der beste Polizist der Welt!“

„Haha! Meinst du das echt?“

„Aber sicher, Miles. Und jetzt klingel mal bei dem Haus! Da wohnt ne reiche Dame…“

 

Farcevolt und Miles saßen nun beide auf einer hölzernen Bank oben auf dem Turm. In Miles‘ Kopf schwirrten unzählige Fragen; ein Gefühl, das er mittlerweile gewohnt war.

Plötzlich vibrierte es in Miles' Hosentasche. Auf Farcevolts neugierigen Blick hin, zog er sein Smartphone hervor und entsperrte es: Eine neue E-Mail. Von seinem Vater. Miles überflog den Text.

Offenbar war sein Vater gefeuert worden und hatte keine Zeit gehabt ihm zu schreiben. Am Ende schrieb er, dass er vorhatte in der nächsten Woche nach England zu fliegen, um seinem Sohn einen Besuch abzustatten. Kae Farcevolt, der sich bis jetzt neugierig über das Display gebeugt hatte, schreckte nun hoch. „Dann müssen wir uns beeilen!“, rief er hektisch und ging auf die Luke im Boden des Turmes zu. „Was? Warum das denn? Das war von meinem Vater, den kennen Sie doch gar-“, Miles wurde unterbrochen: „Frank? Natürlich kenne ich ihn. Verdammt…“ Farcevolt murmelte irgendetwas Unverständliches vor sich her und machte sich an den Abstieg. „Hey! Ich glaube Sie sind mir einige Antworten schuldig!“, schrie Miles in den Turm nach unten. Er bekam keine Antwort. Fluchend und leicht unbeholfen kletterte Miles die Leiter hinunter und lief hastig die steinernen Stufen ab. Unten am Eingang des Turms stand Farcevolt und machte beschwichtigende Bewegungen mit seinen Armen. Miles stapfte unbeirrt weiter, bis er direkt vor ihm stand. „Sie werden jetzt reden! Jetzt sofort! Ich lasse das nicht-“, abermals wurde Miles unterbrochen, diesmal von Farcevolt, der gegen ihn sprang und zu Boden riss. Im selben Moment ertönte ein Knall und eine Kugel schlug über ihnen in die Steinmauer ein. Kleine Stücke des Steins rieselten auf sie herab. „Was geht hier ab?!“, schrie Miles außer Atem, während sie die Wendeltreppe nach oben hasteten. „Das wird einer von Martins Gruppe sein.“, antwortete Farcevolt ganz ruhig. Wie gewöhnlich verstand Miles nichts, jedoch hörte er unter sich nun weitere Schritte im Turm. Nachdem sich beide die Leiter überwunden hatten, schloss Miles mit letzter Kraft die Luke hinter ihnen und schob einen alten verrosteten Riegel vor. „Was zum-…“, er atmete so heftig, wie er noch nie geatmet hatte „Teufel-…-geht hier vor, Farce-…-volt?!“ Schritte kamen unter der Luke zum Stehen. Miles Atmung normalisierte sich wieder. Dann: Stille.

 

„Geh von der Straße runter, Miles!“

„Ja, Ja!“

„Pass auf hier ist selbst nachts immer Verkehr!“

„Hey, seit wann bist du uncool geworden, Kae?“

„Was? Ich soll auf dich aufpassen hat dein Vater angeordnet. Außerdem weißt du, dass du Chaos magisch anzuziehen scheinst.“

„Ach was, ich-“

 

Der Wind pfiff nun deutlich schärfer über die Zinnen der Burg und Miles musste seine Augen zusammenkneifen. Er holte sein Smartphone hervor und schrieb Baten eine Nachricht. Das war nun ganz sicher kein falscher Alarm. „Wer steht da unter der Luke?“, dachte er bei sich.

 

„Sie haben Glück, dass es ihn nicht komplett überrollt hat, aber es hat ihn schon ordentlich mitgenommen.“

„Oh mein Gott, Frank!“

„Puh…“

„Wir werden abwarten müssen. Sein Körper wird höchstwahrscheinlich keine bleibenden Schäden davontragen. Es kann aber durchaus sein, dass seine Erinnerung unter dem Unfall gelitten hat, ich sage es Ihnen ganz ehrlich.“

 

Noch immer war es still im Turm. Keine Schritte waren zu hören. „Verdammt, Farcevolt, wer steht da unten?!“

 

„Der Kleine ist immer noch im Krankenhaus?“

„Ja…“

„Hey, Frank, es tut mir leid. Ich weiß, ich sag das dauernd, aber das hält mich wirklich wach.“

„Schon gut. Er wird schon wieder…“

„Ich werde morgen früh zum Flughafen fahren…“

„Schon?“

„Ja. Der Rover ist ja schon drüben und wenn ich den länger stehen lasse, krieg ich Stress wegen dem Parkplatz.“

„Ja, Ja. Ich versteh schon…“

„Komm mich mal besuchen, alter Mann.“

„Mach ich…Viel Glück, Kae.“

 

Miles tastete am Gürtel nach seiner Dienstwaffe; selbstverständlich war sie nicht da, aber die Handbewegung war mittlerweile beinahe reflexartig. „Das da unten, Miles, ist Martin Cramer.“, sagte Farcevolt nach einer weiteren Minute des Schweigens. „Cramer? Von den Toten auferstanden, oder was?!“, rief Miles genervt. Sein Blut kochte. Er wollte endlich Antworten. Er ging auf die Klappe zu und holte tief Luft. „Wer auch immer da unten ist; mit dem Gebrauch dieser Schusswaffe haben Sie sich strafbar gemacht! Ich werde meine Kollegen von der Polizei verständigen! Bleiben Sie wo Sie sind!“, schrie er mit aller Kraft. Keine Reaktion. „War das eine gute Idee?“, fragte Farcevolt von der anderen Seite des Turmes aus, wo er geradezu gelangweilt an der Mauer lehnte. „Jetzt hauen die doch bestimmt ab.“, fügte er hinzu, als Miles ihm einen fragenden Blick zuwarf.

„Das wird denen auch nichts mehr nützen, ich habe Baten schon vor ein paar Minuten alarmiert.“, gab Miles zurück. In diesem Moment ertönten Polizeisirenen in der Ferne, die sich schnell näherten.

Erst jetzt setzten sich unterhalb der Luke Schritte in Bewegung. Sehr schnelle Schritte.

Drei Streifenwagen erschienen auf der gewundenen Straße und fuhren schließlich alle hintereinander auf dem Parkplatz ein. Wagentüren wurden geöffnet, Miles erkannte Baten und einige andere Kollegen. Die Polizisten versammelten sich vor dem Eingangstor der Burg und zogen ihre Waffen. Einige Leute vom SCO 19 kamen zusätzlich in schwarzen Operationsfahrzeugen angerückt. Schnell war Calbourne Castle umstellt und alle Eingänge waren gesichert worden. Aus dem Innenhof ertönten plötzlich Schreie und jemand eröffnete das Feuer. Weitere Schüsse fielen und Miles und Farcevolt duckten sich hinter der Turmmauer und hielten sich die Ohren zu.

Nach wenigen Minuten waren die letzten Schüsse verklungen und es drangen lediglich unverständliche Rufe zu ihnen hinauf. Miles nickte dem Irren zu und erhob sich langsam. Vorsichtig schlichen beide die Treppenstufen des Turms hinunter; schon zum zweiten Mal an diesem Tag.

Im Hof knieten fünf Personen auf dem Boden. Alle hatten die Hände hinter dem Rücken verschränkt und die Köpfe geneigt. Baten stand vor ihnen und redete mit gesenkter Stimme auf sie ein. Weitere Polizisten und SCO Einheiten standen im Kreis um die Männer und hatten ihre Waffen erhoben. Als Miles und Farcevolt in den Burghof traten drehte sich Baten zu ihnen um. Ein leichtes Lächeln regte sich auf den harten Zügen seines Gesichts, kurz bevor es von einer Kugel durchschlagen wurde. Miles schrie auf. Wie in Zeitlupe flog das Blut durch die Luft, während sich die Polizisten mit weit aufgerissenen Augen nach dem Ursprung des Geschosses umblickten.

Bevor sich alle in Sicherheit bringen konnten, fiel der zweite Schuss. Einer der SCOs wurde an der Schulter getroffen und schrie laut auf, bevor er zu Boden sank. Ein wildes Durcheinander entstand; Polizisten rannten schreiend durcheinander und die Männer am Boden hielten die Köpfe unten. Miles und Farcevolt standen immer noch fassungslos im Eingang des Turms und suchten ebenfalls vergeblich nach dem Schützen. Miles Wut nahm schließlich überhand und er rannte hinaus in den Burghof. Baten war tot, es bestand kein Zweifel. Die Hautfetzen in seinem Gesicht erinnerten Miles an Cramers Kopf damals. Er musste würgen. Seine Beine begannen zu zittern, doch er rannte weiter. Als er auf der anderen Seite des Hofs angelangt war, erkannte er eine Silhouette oben auf der Burgmauer. Der Lauf eines Scharfschützengewehrs zeigte direkt auf ihn. Farcevolts Rufe hinter ihm, blendete Miles aus. Er schlug einen Haken und rannte durch einen niedrigen Eingang in einen der kleineren Türme. Ein weiterer Schuss fiel. Miles schnappte nach Luft.

Hastige Schritte ertönten über ihm. Plötzlich erschien direkt vor ihm eine maskierte Gestalt auf der Wendeltreppe. Miles sprang auf sie zu und schlug ihr mit seiner Rechten frontal ins Gesicht. Es knackte. Sowohl in seiner Hand, als auch in der Nase der maskierten Person. Beide fielen zu Boden, wobei sich das Phantom hastig aufrichtete und mit einem Schrei auf Miles losging. Er musste einige Schläge einstecken, bevor Polizisten den Raum stürmten und die bändigten.

Unter der schwarzen Stoffmaske kam Martin Cramers Gesicht zum Vorschein. Seine Nase und sein Mund waren blutverschmiert und sein Blick war so hasserfüllt und böse, dass Miles kein Wort herausbrachte.

 

Minuten später

 

Wie konnte dieser psychopathische Teenager sein“, schrie ein schwarzer SCO Offizier, dessen Name Miles nicht wusste, über den langen Tisch an dem stumm einige Polizisten mit gesenkten Köpfen saßen. Auch Miles wusste nicht was er sagen sollte. Zwar verstand er jetzt Wahrscheinlich hatte er Hilfe von Innen. Irgendein Verwandter oder so.“, meldete sich der Mann neben Miles leise zu Wort. Auch seinen Namen wusste Miles nicht, scheinbar war er Teil des SCO-Teams gewesen, das angerückt war. Ja verdammt! Klingt plausibel. Ich will, dass sich jemand darum kümmert. Johnson? Michaels?“, antwortete der Schwarze wild gestikulierend. Miles räusperte sich und spürte sofort alle Blicke auf sich. „Einen Augenblick wurde es still. Dann räusperte sich der Schwarze und sagte mit bedrohlicher Stimme: „Was ist ihr Problem? Wollen Sie das Meeting hier leiten?“ Miles stand ohne zu zögern auf und drehte sich um. Zielsicher steuerte er die Tür des Raums an. Auf halbem Wege platzte dem Mann der Kragen: „Wo wollen Sie hin?! Sie können hier nicht einfach abhauen! Sie verdammter-“ Die Tür schloss sich mit einem Quietschen hinter Miles. Er war überrascht, wie Schalldicht sie war.

or der doppelten Schwingtür des Polizeihauptquartiers, stand Kae Farcevolt und kaute auf einem Kugelschreiber herum. Er lehnte lässig an einer der steinernen Säulen, die den Vorbau des Gebäudes trugen. Er machte einige leise klatschenden Schritte auf Miles zu, bevor er zu sprechen begann: „Schon fertig mit der Besprechung?“ Miles antwortete nicht. Stattdessen ging er zu Farcevolts Land Rover und sellte sich mit verschränkten Händen vor die Fahrertür. „Wie lange wussten Sie schon, dass Cramer seinen Selbstmord gefälscht hat?“, fragte er herausfordernd. Mit einem Seufzen verschränkte auch der Irre seine Arme und begann: „Von Anfang an. Ich war dabei als er den Kowalski Jungen runtergeschmissen hat. Ich hatte ihn eigentlich verfolgt, weil ich dachte, er hätte was mit dem Tod seiner Cousine zu tun. Sie wissen schon, das mit dem Zug.“ Miles nickte und rieb sich die Augen. Das hier war absolut verrückt. Genau wie dieser Mann selbst. „Dann hat er mich irgendwie verschont für vier Jahre. Aber als das mit Jameson hochkam, hab ich wohl zu offensichtlich recherchiert.“, fuhr er fort. „Stecken die Jungs und Cramer auch hinter Jameson?“, fragte Miles ungläubig. „Natürlich. Vermutlich wurden sie von Mrs Jameson bezahlt. Die hatte einen mords Hass auf ihren Mann. Keine Ahnung warum.Die Puzzleteile in Miles Kopf schienen sich zu ordnen. Farcevolt setzte einen noch ernsteren Gesichtsausdruck auf und ging einen Schritt auf Miles zu. Er legte seine rechte Hand auf Miles Schulter und sagte leise: „Es tut mir Leid, was mit dem Chief passiert ist. Es tut mir alles Leid. Ich wollte die Polizei eigentlich aus der ganzen Sache rauslassen. Naja, jetzt ist es zu spät.“ Miles kämpfte gegen seinen Tränenfluss an. „Eine Frage-“, er räusperte sich und wischte sich über die Augen „-habe ich noch.“ Farcevolt neigte den Kopf und blickte ihn erwartungsvoll an. „Was hat es mit dem Cowboy und dem Oktopus auf sich?“, fuhr Miles fort. Kaelan Farcevolt hob sanft die Mundwinkel, bevor er die Hand von Miles‘ Schulter nahm und sagte: „Das müssten Sie doch selbst wissen, Sheriff.“ Dann machte er auf dem Absatz kehrt und lief gemächlich die Straße hinunter. Das leise Klatschen seiner Füße verklang schnell, als er sich kurz umdrehte, winkte und dann in die Bakerstreet abbog. Miles hielt ihn nicht auf. Er musste laut lachen. Gleichzeitig liefen ihm dicke Tränen über die Wangen. Er hatte jetzt alles verstanden; und war spätestens jetzt völlig verrückt. Doch das machte ihm nichts aus.

 

 

pilog

 

Ferish, ich freue mich, dass ich Sie hier wieder begrüßen darf. Hat Ihnen der letzte Termin hier geholfen?“

Ich glaube schon, ja.“

Das freut mich zu hören. Haben Sie den jungen Mann im Gefängnis besucht?“

Nein.“

Oh. Warum nicht?“

Ich weiß nicht. Irgendwie habe ich Angst.“

Das ist mutig, dass Sie das zugeben, Mr. Ferish.“

Im Endeffekt ist er ja eh nur ein Kleinkrimineller. Und hätten die nicht den alten Jameson umgebracht, wären die locker damit durchgekommen.“

Das macht Sie wütend?“

Schon, ja. Ich meine solche kleinen Diebstähle gehen völlig unter unserem Radar durch und das sollte nicht so sein. Hätten wir früher nach denen gefahndet…“

Sie haben getan was Sie konnten. Wie sieht es mit Emily aus? Sehen Sie sie noch?“

Ja ab und zu. Aber ich bin nun überzeugt, dass ich sie mir einbilde.“

stimme Ihnen natürlich zu.“

Ich weiß es selbst nicht. Ach wahrscheinlich bin ich echt verrückt…“

Verrückte wissen gar nicht, dass-“

Dass sie verrückt werden… Mr. Farcevolt?“

Wie bitte?“

Ach, nichts.“

Wie auch immer, wie geht es Ihrer Familie?“

Meine Mutter ist tot.“

Oh. Mein Beileid.“

Schon gut. Ist schon lange her. Sie hatte einen erblich bedingten Leberfehler.“

Ich werde Ihnen ein Rezept mitgeben. Holen Sie das Medikament so schnell wie möglich ab. Ach ja, Mr. Ferish?“

Ja?“

Machen Sie eine Weile Pause von der Arbeit.“

 

iles Ferish kniff die Augen zusammen. Er trank einen Schluck Wasser. Noch einen. Es half nichts.

Er konnte einfach nicht schlafen. Seufzend richtete er sich auf und schlurfte in die Küche. Die Deckenlampe surrte laut auf, als er den Schalter betätigte. Er stöhnte.

Miles griff neben das Anti-Depressiva im Medizinschrank und holte eine Schachtel mit Schlaftabletten hervor. Beinahe leer. Miles kratzte sich am Kinn. Erst jetzt fielen ihm die zahlreichen Stoppeln auf. Er hielt inne. Was war das für ein Klopfen?

 


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