Schlingel

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Status: In Progress  |  Genre: Thrillers  |  House: Booksie Classic


Als ich die Dreijährige zum ersten Mal sah, lag sie zusammengerollt auf einem Futon, mit dem sanften Auf und Ab eines friedlichen Atmens. Dünne Strähnen fettigen blonden Haares waren über das große Kissen verteilt, auf dem ihr blasses Gesicht klein und verletzlich aussah.

 

Ich goss mir eine Tasse Kaffee ein und setzte mich an den Schreibtisch, um zu lesen, warum sie in unser Kinderheim gekommen war. Die Papiere sagten dass ihre Mutter in einer psychiatrischen Haftanstalt untergebracht war und es keine anderen Betreuer gab.

 

Während ich meinen Kaffee trank, begann Sonnenlicht durch die Jalousien zu strömen. Das kleine Mädchen rührte sich in ihrem Bett. Ich warf noch einmal einen Blick auf die Namensliste. Sie hieß Legne.

 

Sie erhob sich von ihrem Bett und ging direkt auf mich zu.

 

„Windelwechsel“, sagte sie sachlich. Ihr Befehlston überraschte und amüsierte mich zugleich.

 

"Guten Morgen." Ich schmunzelte. "Wie heißt du denn?”

 

„Legne, Engel rückwärts buchstabiert“, sagte sie schnell und fließend. Ein kluges Mädchen. Dies wird Spaß machen.

 

 

Ich nahm ihre kleine Hand, voll mit Ekzemfalten, und führte sie zum Wickeltisch. Sie blieb abrupt stehen. Ich drehte mich um, um zu sehen, warum. Sie stand einfach nur da, mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht. Dann, nach einem Moment, ging sie weiter. Es war, als würde sie mir sagen: „Ich bestimme, wan wir gehen.“

 

Sie schnappte ein Spielzeug vom Boden und sagte: "Jetzt ist es meins." Ihre Worte klangen wie die eines Erwachsenen, der einem Kind ein Spielzeug beschlagnahmt.

 

„Nein, das gehört uns“, sagte ich.

 

Sie warf es sich über die Schulter, als ob es ihr sowieso egal wäre. Wir kamen an der Küche vorbei. Im Vorbeigehen strich sie mit der Hand über den Tisch und kippte eine Tasse um. Es prallte auf den Boden.

 

„Heb das auf“, sagte ich.

 

"Nein." Sie rannte ins Wohnzimmer.

 

„Gut, bleib ruhig in deiner stinkenden Windel sitzen, bis du es aufhebst.“

 

"NEIN! WECHSLE MEINE WINDEL!"

 

"Okay, dann heb die Tasse auf."

 

Sie stolzierte zurück in die Küche mit schwingenden Armen. Sie hob die Tasse auf und knallte sie auf den Tisch.


 

"Lege es schön hin."

 

Sie nahm die Tasse vom Tisch und stellte sie mit vorsichtiger Konzentration ganz langsam wieder ab. Offensichtlich davon amüsiert, ging sie, um es wieder aufzuheben, als ich sie schnell am Handgelenk packte. Überrascht von meiner eigenen Ungeduld führte ich sie sofort vom Tisch weg. Das Telefon klingelte und andere Kinder wachten auf. Ich hatte nicht den ganzen Tag Zeit, um herumzualbern.

 

Endlich haben wir es zum Wickeltisch geschafft. Als ich sie säuberte, trat sie plötzlich, sodass das schmutzige Feuchttuch ihr Bein berührte.

 

„Halt still“, sagte ich und bemerkte das gleiche verschmitzte Grinsen auf ihrem Gesicht.

 

In den kommenden Wochen würde ich in vielerlei Hinsicht erfahren, dass dieses Kind kein Engel war. Und ich war es auch nicht.

 

 


Submitted: November 17, 2021

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