Digitales Mittelalter

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Status: Finished  |  Genre: Non-Fiction  |  House: Booksie Classic


Essay über Cybermobbing

Submitted: July 17, 2018

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Submitted: July 17, 2018

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Aus dem Leben eines Bauers im 10. Jahrhundert nach Christus. Er fristet sein Leben auf einem kleinen Bauernhof, mitten in einem historischen unbedeutenden Königreich, welches von einem König regiert wird, der es sich absolut nicht gefallen lässt, sich von einem seiner Bauern kritisieren zu lassen. Unser Bauer, der kaum über die Runden kommt aufgrund der wenigen Ernten und der hohen Abgaben an den König, wagt es trotzdem den König zu kritisieren. Und prompt reagiert der König und hetzt seine Soldaten auf den kritisierenden Bauern. Kaum ist der Bauer gefasst, bestraft ihn der König mit dem Pranger. Mitten auf dem Marktplatz in der Hauptstadt des Königreichs wird er in der Öffentlichkeit an den Pranger gestellt. Die Stadtbürger sehen diesem fast schon Spektakel zu und sobald der Abgesandte des Königs seine Anklageschrift verlesen hat, bewerfen sie den armen Bauern mit Beleidigungen und allen möglichen Wurfgeschossen. Am Pranger muss sich der „böse“ Bauer ohne Schutz all die Wurfgeschosse über sich ergehen lassen – ganz ohne die Chance sich von irgendjemand helfen zu lassen.

Das war im 10. Jahrhundert. Die Dörfer sind jetzt zu Städten geworden, die Bauern zu Büromenschen und die Königreiche zu Nationen. Doch manches bleibt. Der Pranger, den schon der Bauer aus dem 10. Jahrhundert kannte, ist immer noch da. Zwar nicht aus Holz und Metall, sondern aus Einsen und Nullen. Der Ort ist nun kein kleines Dorf mehr, sondern ein Smartphone oder ein Computer und aus dem Markt– oder Kirchenvorplatz, auf dem früher, lange vor der digitalen Ära, die Menschen des Dorfes sich getroffen haben um zu reden, wurden zu den sozialen Netzwerken. Die Königreiche aber existieren innerhalb der digitalen Welt immer noch: Facebook und Instagram sind zwei davon. Und damit ein Schauplatz dessen, was kein Mensch erfahren sollte, jedoch trotzdem in den Netzwerken fast schon Gang und Gebe ist. Das sogenannte Cybermobbing.

Was in der realen Welt beginnt, bleibt nicht nur real, sondern wird auch in der Welt der sozialen Medien fortgesetzt. Aus dem vorhin genannten Bauer wird nun ein hilfloser Mensch des 21. Jahrhunderts. Er steht dort, wo er nicht mehr abhauen kann. Für ihn gibt es keinen Zufluchtsort. Weder in der Realität noch online kann er sich verstecken. Damals in der Zeit des Mittelalters gab es für die Mitbürger des Dorfes, die den armen Bauern nun mit allem bewerfen konnten was sie zur Verfügung hatten, einfach aus gesellschaftlichen Gründen keine große Hürde, um dem Bauern Leid zuzufügen. Das Gleiche ist auch online zu beobachten. Schüler oder auch allgemein gesehen Personen, die eine andere Person mobben, haben keine bzw. eine sehr kleine Hemmschwelle. Woran das liegt? Diese Frage lässt sich ganz einfach beantworten. Wie man anhand der Statistiken des Medienpädagogischen Forschungsverbundes aus dem Jahr 2016 erkennen kann, lässt sich eine allgemein häufigere Benutzung des Smartphones beobachten und auch eine dementsprechend steigende Benutzung von Apps wie Facebook und WhatsApp. Die Folge ist ein Rückgang von sozialen Interaktionen außerhalb des World Wide Webs. Man merkt, dass Dinge, vor allem auch sehr persönliche Dinge nicht mehr im Gespräch, sondern durchs Tippen auf einer digitalen oder analogen Tastatur dem Gesprächspartner mitgeteilt werden. Und das liegt einfach daran, dass sich die beiden Kommunizierenden – Gesprächspartner ist schon zu hoch gegriffen – nicht sehen. Genau das passiert beim Cybermobbing. Da der Täter das Opfer nicht sieht, ist es für ihn deutlich einfacher, die Anschuldigungen und sonstige Beleidigungen, die, wenn man sie schreibt, schon fast zensiert werden sollten, dem Opfer an den Kopf (oder mittlerweile an die digitale Pinnwand des Opfers) zu werfen.

Wir reden hier nicht von einem „Du Idiot“, bei dem man sich die Hand gegen die Stirn klatscht (auch neuerdings Face Palm genannt) und sich dabei noch ein eventuelles Grinsen über eine äußerst dumme Tat des Anderen verkneifen muss, sondern von einer Flut aus Beleidigungen, die das obige um Welten übertreffen. Man erinnere sich an den unbedeutenden König. Der hetzte seine Soldaten auf jemanden, der ihm nicht passte. Dem modernen König gehört zwar kein Land mehr, aber dafür hat auch er ein Gefolge. Und diese Leute sind auch gerne dazu bereit, den Befehlen ihres „Königs“ zu folgen. Dabei ist es ihnen egal, ob es vielleicht sogar einer aus ihrem eigenen Freundeskreis ist. Ihr König hat es ihnen befohlen und ist vielleicht schon mit aus ihrer Sicht „gutem Beispiel“ vorangegangen, also müssen sie ihn nun unterstützen. Ein einzelner Schüler ist gegen die Masse hilflos. Aber wer es ist, spielt keine Rolle. Aussehen, Charakter, Herkunft, körperliche oder geistige Einschränkungen, keins davon ist das ausschlaggebende Merkmal, das einem eine Zielscheibe für Mobber auf den Rücken malt.

Und nicht nur Beleidigungen sind eine Waffe in der digitalen Welt. Auch Enthüllungen können Personen treffen. Man nehme folgendes Beispiel, welches sich so in einer Klasse einer beliebigen Schule zugetragen haben könnte: Schüler A ist verliebt in Schülerin B, jedoch weiß es weder Schülerin B noch sonst jemand aus der Klasse. Die Gründe, warum Schüler A es ihr nicht sagt, sind nicht bekannt, allerdings auch nicht weiter von Belangen, wenn man davon ausgeht, dass dieser Schüler diese Gründe nicht umsonst hat. Schüler C, der es schafft, das Vertrauen des Schülers zu gewinnen, bekommt Wind davon und schreibt dies in die WhatsApp-Gruppe der Klasse. Die Absichten können hierbei vielfältig sein. Es hätte ein missratener Scherz sein können oder ein gezielter „Anschlag“ auf die Privatsphäre von Schüler A. Egal was es nun war: Das Geheimnis ist raus und der Schülerin B kann vermutlich Schüler A nicht mehr in die Augen schauen.

Doch hat der Schüler eine Chance dem entgegenzuwirken? Hat auch er ein „Gefolge“? Die Antwort ist ein klares Jein. Gut gemeinte „Da musst du durch“ oder „Einfach ignorieren, dann hören die auf“ helfen soviel wie Streusalz an der Arktis – nämlich gar nicht. Gerne gesehen werden natürlich Aktionen wie die Eltern des „Königs“ anzurufen oder den Klassenrat einzuberufen – allerdings auch nur vom Täter, denn dann werden die Opfer nur noch mehr fertig gemacht. Am besten alles noch einberufen ohne dem Opfer davon Bescheid zu sagen, denn das Wichtigste ist, dass der der Gemobbte mitentscheidet, denn schließlich ist ja er das Opfer und nicht die Eltern und hat auch einen ganz anderen Blickwinkel als die Eltern. Denn die sind oft auch nicht weniger ratlos was zu tun ist, was sich einfach an den obigen Vorschlägen festmachen lässt. Vielleicht schlagen sie noch vor, sich überall abzumelden. Aber stoppt das die Täter? Denken die sich nur weil ihr Opfer keinen Account mehr hat müssen sie nicht mehr über das Opfer herziehen? Natürlich nicht. Aber bei solchen Vorschlägen man sich dann aber auch nicht wundern, wenn man ein heulendes Kind in seinem Haus hat. Oder im Extremfall plötzlich kein Kind mehr hat. Wichtiger sind daher fast die Freunde, die einen verteidigen und unterstützen – egal was die Masse sagt und auch vielleicht dann noch selber unter Beschuss geraten. Denn in einer Gruppe fühlt man sich stärker, egal ob als Opfer oder Täter. Die Menschheit hat sich entwickelt. Aber nicht überall hat sie sich zu dem entwickelt, was sie sein sollte. Eine Welt, in der man freundlich nebeneinander lebt? Pustekuchen. Stattdessen freut man sich noch, wenn man jemanden fertig macht. Wo man unschuldige Leute in die Verzweiflung treibt und vielleicht noch drüber hinaus. Was ist das für eine Welt? Wollen wir selber so leben? Mobbing kann jeden treffen – dich und mich. Und in einer Welt, in der keiner mehr ein schlechtes Gewissen hat, weil er den anderen nicht sieht, steigt die Gefahr für jeden ins Fadenkreuz zu rücken. Deshalb sollte man auf jeden Fall Leute haben, die einen unterstützen und stärken – und denen man auch selber hilft, wenn es sie treffen würde. Aber auf keinen Fall das Ganze öffentlich regeln – denn dann steigt man direkt in die Höhle des Löwen. Willkommen im 21. Jahrhundert – oder doch zurück im Mittelalter?


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